Politiker hören, was Arbeitslose umtreibt

Betroffene berichten – Politiker hören zu. Zum zweiten Mal haben die Vesperkirche und die Denkfabrik der Neuen Arbeit Langzeitarbeitslose eingeladen. Zu hören gab es für die Politiker einiges.

© Monika Johna

Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann und Martin Tertelmann von der Neuen Arbeit

Wie ist es, wenn man jahrelang keine Arbeit findet und so unweigerlich in Hartz IV rutscht? Wie viel Geld hat man zum Leben und welche Probleme drücken am meisten? Luise Janke könnte darüber viel erzählen. „Mir bleiben zum Leben am Tag drei Euro. Wie soll man sich mit drei Euro gesund ernähren?“, fragt sie in die Runde. Sie selbst hat ihr Berufsleben ganz normal wie viele andere auch begonnen. Eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, viele Berufsjahre, in denen sie sich enorm reingehängt hat. Dann kam die Arbeitslosigkeit. Und die wird sie seitdem nicht mehr los. 

Auch Helmut Winkler hat viele Jahre Berufsleben hinter sich, 30 Jahre als Redakteur beim Stuttgarter Wochenblatt. „Dann hat mein Arbeitgeber unsere gesamte Redaktion auf einen Schlag entlassen“, erzählt er. Mit damals Mitte 50 gab’s für ihn keine konkreten Aussichten auf einen neuen Job. Seitdem sind sechs Jahre vergangen und auch eine Weiterbildung zum Onlineredakteur brachte nichts. 400 erfolglose Bewerbungen später ist er nun froh, dass er bei der Neuen Arbeit derzeit als Demokratiebegleiter eine neue Aufgabe gefunden hat. „Aber die Maßnahme läuft im September aus. Und dann?“, fragt er in die Runde. 

 

Langzeitarbeitslose erzählen - Politiker hören zu

„Das, was unsere Gäste umtreibt, wollen wir hier darlegen“, sagte Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann in ihrer Begrüßung. Gemeinsam mit Martin Tertelmann von der Neuen Arbeit hatte sie zum zweiten Mal zu dem Format "Langzeitarbeitslose erzählen - Politiker hören zu" eingeladen. Die Gemeinderäte Thomas Adler (SÖS-Linke-PluS), Andreas Winter (Grüne), Michael Jantzer (SPD), Beate Bulle-Schmid (CDU) und Ilse Bodenhöfer-Frey (Freie Wähler) waren als Vertreter der Politik in die Leonhardskirche gekommen, um sich anzuhören, welche Forderungen die drei geladenen Langzeitarbeitslosen an die Politik haben. 

Knut Peter Licina treibt vor allem die Gängelei um, der er als Arbeitsloser ausgesetzt ist. „Gerhard Schröder hat mit Hartz IV tausende Menschen in die Armut getrieben“, sagt er. Er hat zuerst eine Ausbildung zum Lokführer absolviert und, nachdem die Beschäftigungsaussichten zu jener Zeit nicht gut waren, eine Umschulung zum Fotografen gemacht. Nach vielen Jahren im Beruf war er zum Schluss dann selbständig. Das lief jedoch nicht gut, und so ist er nun als Arbeitsloser auf Unterstützung angewiesen. Die Politiker sollten ihnen, den Betroffenen, zuhören, sie sollten überlegen, was man an Hartz IV verbessern könne, fordert er. 

Luise Jankes Maßnahme lief Ende des Jahres aus, ein Anschluss ist erst auf Mitte des Jahres in Aussicht gestellt. „Ich bin eigentlich stinksauer“, sagt sie, die unbedingt arbeiten möchte. „Ich möchte selbst für meinen Unterhalt aufkommen können“, wünscht sich auch Knut Peter Licina. Sinnlose Maßnahmen, das xte Bewerbungstraining wie bei Luise Janke oder eine erzwungene Bewerbung als Fotograf bei einer Firma für Photovoltaikanlagen sind es, die die Betroffenen kritisieren. 

 

Was besser werden muss

Dann sind die Politiker dran. „Wo sehen Sie Möglichkeiten, etwas zu verbessern?“, fragt Moderatorin Christina Metke. Tom Adler sagt, er habe bereits im vergangenen Jahr einen Antrag gestellt, damit die Betroffenen und deren Verbände bei der Entwicklung von Maßnahmen gehört werden. Gehört habe er aber seitdem nichts mehr. Beate Bulle-Schmid bedankt sich bei den drei Arbeitslosen für deren Offenheit und den Mut. „Ihre Erzählungen haben mich betroffen gemacht.“ Die Erzählungen der Betroffenen, sie scheinen bei allen Eindruck hinterlassen zu haben. Jedenfalls leiert niemand als Reaktion auf das Gesagte reflexartig Parteiprogramme herunter. Beate Bulle-Schmid sieht als Lokalpolitikerin Handlungsmöglichkeiten dort, wo über Gängelung und sinnlose Maßnahmen seitens des Jobcenters berichtet wird. Da könne man was machen. Andreas Winter spricht sich dafür aus, unterstützende Maßnahmen auszubauen, die es den Menschen ermöglichen teilzuhaben. „Hier können wir als Kommunalpolitiker dafür sorgen, dass dies bei den Leuten ankommt“, sagt er. Michael Jantzer verweist auf das Chancenteilhabegesetz und sagt, man müsse das Vertrauen der Menschen in die positive Wirkung des Gesetzes gewinnen. Er hofft darauf, dass Maßnahmen wie die Grundrente kommen und wirbt dafür, diesen Prozessen Zeit zu geben. Ilse Bodenhöfer-Frey wünscht sich unterstützende Maßnahmen für suchtabhängige Arbeitslose. „Und es sollte in den Unternehmen Arbeitsplätze geben, die explizit mit Langzeitarbeitslosen besetzt werden.“

Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann will in einem halben Jahr bei den Politikern nachfragen, was aus ihren Vorhaben geworden ist. Und es soll auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Politiker zuhören sollen. „Wir alle werden uns hier in einem Jahr wieder treffen“, sagt sie. 

Autorin: Monika Johna