Die Menschen wirklich ansehen

Zum Start gibt’s die Schlüsselgewalt: Heute hat die 24. Stuttgarter Vesperkirche begonnen. Christoph Doll, Pfarrer der Leonhardskirche, übergab als Hausherr symbolisch einen großen gebackenen Schlüssel an Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann und wünschte ihr für die kommenden sieben Wochen viel freudiges Erleben. Musikalisch umrahmt wurde der festliche Auftakt von den Hymnuschorknaben.

© Monika Johna

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Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann und der Stuttgarter Hymnuschor

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„Vesperkirche will das Armutsthema mitten in die Gesellschaft tragen“, sagte die Diakoniepfarrerin zu Beginn des Eröffnungsgottesdienstes. Dass sich so viele Menschen solidarisch zeigten mit der Vesperkirche sei für sie immer wieder überwältigend, erklärte Gabriele Ehrmann. „Das diesjährige Motto der Vesperkirche ‚Jeder gibt, was er kann’ gilt auch beim Essen“, so die Diakoniepfarrerin. Dieses Jahr wird erstmalig kein Festpreis entrichtet, die Gäste geben vielmehr so viel, wie sie bezahlen können.
„Einmal sehen ist besser als tausendmal hören. Vesperkirche, das ist Hinsehen“, sagte Dieter Kaufmann, Oberkirchenrat und Vorsitzender der Diakonie Württemberg, zu Beginn seiner Predigt. Man könne tausendmal hören, wie niedrig Renten für manche alte Menschen sind. Oder wie viele Wohnungslose es unter uns gibt, so der Diakonievorsitzende. Wer hinsehe, der sehe in der Vesperkirche Menschen, die einfach kommen.
Viele kamen auch heute wieder zum Eröffnungsgottesdienst. Sie alle hieß Gabriele Ehrmann herzlich willkommen. Zusammen mit den Diakonen teilte sie schließlich das Brot aus, das es immer zur Eröffnung der Vesperkirche gibt.
Dieter Kaufmann griff zuvor in seiner Predigt die Geschichte der Speisung der Fünftausend auf und beschäftigte sich mit dem Begriff der Wüste. „Wüste, das ist der Ort des Mangels.“ Es sei aber auch der Ort der Gottesbegegnung, man könne auch das Neue entdecken. „Da bricht es hervor. Dass man hinsieht. Dass viele sich einsetzen. Und plötzlich bekommt man viel hin. Nicht nur 700 Essen am Tag ausgeteilt. Sondern für Menschen eine Oase in der Wüste“, sagte Dieter Kaufmann. Gott gebe uns die Kraft, das Leben in die Hand zu nehmen. Aus Gott erwachsen die Ideen und der Mut für Projekte wie die Vesperkirche. „Das eigentliche Wunder ist vielleicht die Vesperkirche gar nicht. Sondern das sehen. Dass wir sehen, hinsehen, die Menschen sehen und uns als Gemeinde ans Werk machen, das ist das Wunder.“

 
Bis zum 3. März gibt es in der Vesperkirche täglich ein warmes Essen, am Nachmittag werden kostenlos Vesperbrotbeutel verteilt. Der Vesperkirchentag beginnt täglich um 9 Uhr und endet mit einer Andacht um 16 Uhr, um 16.15 Uhr schließt die Vesperkirche dann ihre Pforten.


Am Nachmittag startete die Kulturreihe „Kultur in der Vesperkirche“ mit der inklusiven Band "Groove Inclusions". Am kommenden Sonntag geht die Reihe weiter, dann geht es zu den benachbarten Philharmonikern. Weitere Infos dazu gibt es hier. 
14-01-2018

Autor/Autorin: Monika Johna