Leonard Cohen und die Beautiful Losers

Kultur in der Vesperkirche: Jeden Sonntagnachmittag wieder ein besonderes Erlebnis. Hier begegnen sich Arm und Reich, Alt und Jung. Hier wird gesungen, geklatscht und fröhlich gelacht. Und oft springt ein ganz besonderer Funke zwischen Publikum und Künstlern hin und her. So auch dieses Mal. „Beautiful Losers“ hat die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert.

© Monika Johna

„Ja, und der Walzer, der mag es gar nicht, wenn man den nicht tanzt“, sagt Hanna Plaß. Da sind schon eineinhalb Stunden wie im Fluge vergangen, da hat Hanna Plaß schon ganz viel über das Leben und das Lieben von Leonard Cohen erzählt und mit ihrer vollen Stimme dazwischen wunderschöne musikalische Akzente gesetzt. Und da hat der Posaunenchor das Publikum bereits in begeistertes Staunen versetzt, indem er sich und seine Zuhörer in ungeahnte filigrane Klangräume befördert hat.

Es ist schon ein außergewöhnliches Projekt, das da im vergangenen Jahr entstanden ist. Posaunenchor trifft Staatstheater. Choral trifft Rhetorik. Die Idee dazu hatte Schauspielintendant Armin Petras. Christof Schmidt ist der Leiter des Posaunenchors der Christuskirche und der Bläserreferent der Evangelischen Jugend Stuttgart. Hanna Plaß ist Schauspielerin am Staatstheater Stuttgart, Sängerin und die Regisseurin des Stücks. Mit viel natürlichem Charme zeichnet die 27jährige  einzelne Szenen aus dem Leben von Leonard Cohen nach und verbindet die musikalischen Beiträge, die harmonischen oder schrägen, die lebhaften oder ruhigen Stücke, die von Depressionen, Liebe, Drogen und Träumen erzählen, zu einem wunderbaren Ganzen. Sie spricht davon, wie sich der kanadische Künstler auf der griechischen Insel Hydra unsterblich in eine Norwegerin verliebt hat. Aus dieser sieben Jahre andauernden Beziehung entstand schließlich der Titel „So long Marianne“.
Hanna Plaß, Christoph Schmidt und der Posaunenchor schaffen es mit schierer Leichtigkeit, in das Melancholische des Leonard Cohen klug gemachte musikalische und literarische Beiträge einzustreuen. Die mitschwingende liebevolle Ironie hätte dem im vergangenen Dezember im Alter von 82 Jahren verstorbenen kanadischen Poeten sicher gefallen.

Leonard in der Leonhardskirche – eine Kombination, die schon allein des Namens wegen passen sollte. Hans-Jürgen Grünefeld, in der Vesperkirche seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiert, spielt  im Posaunenchor der Christuskirche. Damit lag die Idee nahe, dass „Beautiful Losers“  ein Teil des Kulturprogramms wird.
Die Gäste genießen den Nachmittag sichtlich. Für viele ist es eine wohltuende Auszeit, eine Verschnaufpause vom beschwerlichen Alltag, den Armut so mit sich bringt. Andere sind gekommen, weil der Ehemann, die Ehefrau, die Tochter, der Sohn, weil Papa oder Mama im Posaunenchor der Christuskirchengemeinde musizieren. So ist es – mal wieder – eine Gemeinschaft mit vielen Facetten, die unter dem Kirchendach der Leonhardskirche zum Kulturprogramm zusammenkommt.

Viele bekannte Songs hat der Songwriter geschrieben. Da werden ganz persönliche Erinnerungen wach. „Ich habe Leonard Cohen als Jugendliche im Urlaub in der Bretagne zum ersten Mal gehört und bin seitdem Fan“, erzählt eine Besucherin. Suzanne, I’m Your, There Is a War, First We Take Manhattan – wer kennt sie nicht? Und natürlich „Hallelujah“, legendär und in der Vesperkirche durch die Konzerte von „rahmenlos und frei“ längst schon ein Stück mit besonderer Bedeutung. Spätestens jetzt summt oder wippt auch der Letzte noch mit. 

Und dann verwandelt sich die Vesperkirche in einen Tanzsaal. Die Mitglieder des Posaunenchors lassen sich nicht lange bitten, als Hanna Plaß zum Walzer ruft. Umgehend schwärmen sie aus und kehren mit einem Tanzpartner an der Hand zurück. „So wie sie singt, da kann man nicht sitzenbleiben“, schwärmt ein Gast. Zwischen Altar, Orgel, Brottisch und Stuhlreihen drehen sich Paare elegant im Kreis. Ein Besucher fasst beim Rausgehen den Nachmittag zusammen. „Für mich war das heute ein Geschenk.“

22-01-2017

Autor/Autorin: Monika Johna