31.03.09

Leserbriefe unterstützen die Vesperkirche

Die Stuttgarter Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 24. März über Kritik von Mitgliedern des Sozialausschusses des Stuttgarter Gemeinderates an der Vesperkirche. Leserbriefe setzen sich mit dieser Kritik auseinander. Dr. Andreas Kneser (ehrenamtlicher Mitarbeiter der ersten Stunde) sieht in der Vesperkirche ein "Projekt mit menschlicher Note". Diakonie-Dekanin Wiebke Wähling findet es "nicht qualifiziert, die Arbeit der rund 600 Ehrenamtlichen so abzuqualifizieren".

Leserbrief von Dekanin Wiebke Wähling (Zuffenhausen), Stuttgarter Zeitung vom 31. März 2009:

 

Engagement abqualifiziert

 

Ist Armut ein einmaliger Event oder leider für viele Erwachsene und Kinder ein Dauerzustand, in dem man sich einrichten muss, aus dem man auch wieder herauskommen möchte? Die Evangelische Kirche begleitet mit großer Aufmerksamkeit in ihren verschiedenen diakonischen Angeboten Menschen mit geringem Einkommen und die sich auch in Stuttgart immer stärker ausbreitende Armut. Zusammen mit den anderen Wohlfahrtsverbänden wurde die Stadt angeregt, 2008 eine Strategiekonferenz zur Kinderarmut durchzuführen, die den Blick besonders auf die Kinderarmut gelenkt hat.


Circa 14.000 Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre wachsen  in Stuttgart unter Hartz-IV Bedingungen heran. Manche Angebote konnten in der Folge der Konferenz verbessert werden, aber viele Menschen sind weiterhin angewiesen auf Tafelläden, günstige Essensangebote  der diakonischen Träger, zum Beispiel „eva’s Tisch“ oder auch auf Angebote in den Kirchengemeinden. Die Armut ist dauerhaft und eben kein einmaliges Ereignis.


Ich finde es nicht qualifiziert, die Arbeit der rund 600 Ehrenamtlichen, das Engagement vieler Spender, weniger Hauptamtlicher und kultureller Unterstützer so abzuqualifizieren. Die Vesperkirche ist eines der Angebote des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart in einer ganzen Palette von Angeboten für Menschen mit wenig Geld. Der Sozialausschuss des Gemeinderates sollte seine Besorgnis darüber, dass es viele arme Menschen in Stuttgart gibt, nicht an denen auslassen, die seit Jahren erstens tatsächlich etwas tun und auch das Thema zunehmende Armut und die Mitverantwortung der Kommunen im öffentlichen Diskurs halten.

 

Mit freundlichen Grüßen, Wiebke Wähling, Dekanin für Diakonie im Evangelischen Kirchenkreis Stuttgart

 

 

Leserbrief von Dr. Andreas Kneser, Stuttgart-West, Stuttgarter Zeitung vom 31. März 2009

 

Ein Hilfsprojekt mit menschlicher Note

Der Artikel zeugt von Unkenntnis darüber, was die Vesperkirche eigentlich ist. Offenbar haben die Stadträte dies nicht begriffen. Die Vesperkirche ist zuallererst ein Ort,
- in dem Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, so angenommen werden, wie sie sind, und wo sie menschliche Wärme finden, die in unserer kalten Gesellschaft so sehr fehlt;
- wo sie aus der Einsamkeit ihrer schlecht geheizten Wohnung herausfinden zu Gemeinschaft mit anderen Menschen;
- wo sie Rat und Hilfe bei mancherlei Problemen ihrer oft schwierigen Lebenssituation finden;
- wo sie ärztliche Versorgung ohne Praxisgebühr udn ohne Scheu vor dem sauberen Wartezimmer einer Arztpraxis finden;
- wo sie - was gar nicht so selten gesucht wird - ein seelsorgerliches Gespräch finden.


Auch wenn die soziale Versorgung in Stuttgart gut sein mag, so zeigt doch der Zulauf zur Vesperkirche, dass dieser "sozialen Versorgung" etwas Entscheidendes fehlt, was aber die Vesperkirche bietet: die das ganze Projekt durchziehende menschliche Note. Wenn andere Hilfseinrichtungen den Erfolg der Vesperkirche nicht goutieren, weil sie angeblich "die dezentrale Hilfsstruktur der Stadt" störe, so kann dies kein Grund sein, Menschen in Not das nicht zu geben, was sie brauchen und an anderer Stelle nicht finden. Soweit zur Sache.
Die Art und Weise, in der jetzt die "bisher hinter vorgehaltener Hand" geäußerte Kritik vorgebracht wird, ist alles andere als fair: Die neue Diakoniepfarrerin ist gerade ein knappes halbes Jahr im Amt, da überschüttet man sie mit einer von wenig Sachkenntnis getrübten Kritik, die man dem Amtsvorgänger nicht zu sagen wagte.


Diese unqualifizierte Kritik ist im Übrigen auch eine Beleidigung der ehrenamtlichen Helfer: Wir sind kein Personal zur Durchführung eines "Events" oder der "sozialen Versorgung", sondern wir opfern viel Zeit und Kraft, um in einer mitmenschlichen Gemeinschaft andern außer dem täglichen Brot ein wenig von dem zu geben, was der Mensch außerdem noch zum Leben in Würde braucht.

 

Mit freundlichen Grüßen, Dr. Andreas Kneser

 

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