25.05.12

Urlaub machen – auch ohne Kohle

In der Tourismusbranche ist es bestens bekannt: Pfingsten ist jedes Jahr eine der Hauptreisezeiten überhaupt. Doch nicht jeder kann sich Urlaub in fremden Gefilden leisten. Das evangelische Diakoniepfarramt Stuttgart führt in diesem Jahr erstmals ein ganz besonderes Projekt durch: „Urlaub ohne Kohle“.

Bewegung, Begegnung und Spaß bei "Urlaub ohne Kohle" des Diakoniepfarramts [Foto: Müller]

Eine Woche machen die Menschen, die ansonsten von einer kleinen Rente oder von Hartz IV leben, Ferien im Waldheim Gehrenwald. „Ansonsten kann ich mir das ja überhaupt nicht leisten“, sagt Alfons S.

Seit nunmehr 40 Jahren lebt der gebürtige Regensburger nun schon in Stuttgart. Seit einem schweren Rückenleiden kann er seinen Job als Bäcker nicht mehr ausüben. Heute lebt der 54-Jährige von Hartz iv. An Urlaub ist aus Kostengründen seit vielen Jahren nicht zu denken. Selbst, wann er das letzte Mal seine Heimat besucht hat, weiß er nicht mehr genau. Dennoch kann er in dieser Woche „die Alltagssorgen einfach einmal ausblenden“, freut er sich über das Angebot der Diakonie. Zwar ist er in Zuffenhausen, wo er lebt, in der Nachbarschaftshilfe tätig und engagiert sich bei der Vesperkirche, aber „oftmals ist man eben doch allein“.

Das ist im evangelischen Waldheim nicht der Fall. Während der 54-Jährige gelöst plaudert, spielen einige der anderen Teilnehmer gemeinsam auf der Veranda. lautes lachen ist zu hören. Die Menschen fühlen sich wohl. „Das ist die größte Bestätigung“, freut sich Diakonin Elisabeth Tschürtz. Denn auch die Evangelische Kirche Stuttgart betritt mit dem Projekt Neuland. Zwar gibt es seit Jahren die Angebote „Urlaub ohne Koffer“ in verschiedenen Waldheimen in Stuttgart. Das beschränke sich aber zumeist ausschließlich auf Mitglieder der örtlichen gemeinden.

Nun haben man versucht gezielt Menschen mit einem geringen einkommen zu erreichen. Denn die Erfahrung zeige, dass insbesondere Menschen mit wenig Geld oftmals sozial ausgegrenzt sind. „Schließlich kostet alles irgendetwas“, weiß Tschürtz. Das Angebot richtet sich speziell an Menschen, die von Sozialleistungen leben und älter als 55 Jahre alt sind. Die Teilnehmer kommen aus ganz Stuttgart, von Weilimdorf über Bad cannstadt bis Mühlhausen. Bei der Suche nach einem geeigneten ort stieß man auf das Waldheim im Gehrenwald. Alleine die Umgebung mit der wundervollen natur sorge für ein gewisses Urlaubsgefühl.

Natürlich erhalten die Teilnehmer auch ein Frühstück, Mittag- und Abendessen. Das ist jedoch nicht ganz kostenlos. 30 Euro muss jeder bezahlen. „Wir haben versucht etwas zu finden, was für jeden machbar ist“, sagt Tschürtz. eine gewisse Eigenbeteiligung sei aber wichtig, „damit wir den Menschen auf Augenhöhe begegnen können“. Der Rest stammt aus Spenden.

Ansonsten ist das Angebot an Aktivitäten vielfältig. es gibt einen Ruheraum, in dem man Bücher oder auch Zeitung lesen kann, man kann Sport treiben, zum Beispiel bei der Gymnastik oder auch am Computer die selbst geschossenen Bilder zu einem Erinnerungsband zusammenstellen. Diese stammen zumeist von den zahlreichen Ausflügen. Jeden tag steht am Nachmittag ein anderer Programmpunkt an. So waren die Teilnehmer bereits auf dem Flughafen, in der Grabkapelle auf dem Rotenberg oder auch in der Wilhelma. „es gibt in Stuttgart so viele schöne Dinge zu erleben“, weiß die Mitte 50-jährige Christina, „aber sonst komme ich dazu nicht“. Denn bereits den eintritt in die Wilhelma kann sie sich nicht leisten. Zudem hat es ihr die Landschaft im Gehrenwald angetan. „Es ist wunderschön – wirklich wie im Urlaub“, freut sich die Sozialhilfeempfängerin.

„Unser Ziel ist es, den Menschen einfach eine schöne Woche zu bieten“, sagt Tschürtz. Zudem erhofft man sich, dass diese dadurch ihre Isolation ein wenig verlieren, neue Kontakte knüpfen. Das scheint beides gelungen. Auch Alfons hat bereits einen neuen Freund gefunden. „Wir wohnen in der nähe, werden uns auf jeden Fall wieder treffen“, freut sich der 54-Jährige. Und das nicht erst im kommenden Jahr. Denn ob es eine Wiederholung des Urlaubs ohne kohle gibt, steht noch nicht fest. Die diesjährigen Teilnehmer wollen aber auf jeden Fall wieder kommen.