25.02.09

Erfolgsgeschichte mit kritischer Kraft

„Die Vesperkirche ist eine Erfolgsgeschichte. Dieser Erfolg trägt in sich aber die kritische Frage nach dem Zustand unserer Gesellschaft“, sagte Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich heute (25. Februar) bei der Vorstellung der „Bilanz“ der Vesperkirche 2009. Die Vesperkirche endet am kommenden Samstag, 28. Februar, 16 Uhr mit einem Gottesdienst.

Auf Augenhöhe: Diakoniepfarrerin und Gast / Bild: Schweizer

Ehrlich lobte die Arbeit der neuen Diakoniepfarrerin Karin Ott und ihres Teams. Die Vesperkirche habe sich zu einem „Markenzeichen“ der evangelischen Kirche in Stuttgart entwickelt. Sie zeige, dass die Kirche auf der Seite der Armen stehe. Für 2010 kündigte Ehrlich an, die Vesperkirche von sechs auf sieben Wochen auszudehnen.

 

„Die Vision der Vesperkirche, Leben miteinander zu teilen, ist in den vergangenen sechs Wochen wahr worden“, so Pfarrerin Otts Fazit nach ihrer ersten Stuttgarter Vesperkirche. Fasziniert hat sie, dass in der Leonhardskirche Menschen mit grundverschiedenen Lebenssituationen weitgehend friedlich eine gute Zeit miteinander verbringen. „Zu uns kommen Kleinkinder und 90-Jährige, gescheiterte Unternehme und Menschen, die schon in der dritten Generation von Sozialleistungen leben.“ Die Vesperkirche gebe ihnen mehr als nur eine warme Mahlzeit: „Unsere Gäste finden praktische Unterstützung in prekären Lebenssituationen und Entlastung im täglichen Kampf ums Überleben.“

 

Die Gäste hätten ein Recht, auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Dass dies möglich wurde, ist für Ott „eine große Leistung aller, die hier zusammen sind“: der Mitarbeitenden und der Gäste. Diakonin Sonja Berger, die seit der ersten Vesperkirche 1995 dabei ist, drückt es so aus: „Es ist ein Wunder, dass bei uns viele Menschen dicht bei dicht sitzen und es doch so friedlich und harmonisch ist.“ Sie führt dies auf die hohe Bereitschaft der Gäste zurück, „die Kirche als ihren Begegnungsort und ihre Heimat auf Zeit zu erhalten.“

 

Die Vesperkirche ist jedoch „keine heile Welt, sondern ein Mikrokosmos der sozialen Not in unserer Stadt – aber eben auch ein Mikrokosmos des sozialen Engagements“, so Ott. Wer dagegen arme Menschen als „Penner und Junkies“ abtue wie kürzlich der Junge-Union-Bundesvorsitzende Philipp Mißfelder, „der irrt gewaltig“, kritisierte die Pfarrerin. Mißfelders Behauptung, eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um vier Euro im Monat diene nur der Belebung der Tabak- und Alkoholindustrie, „ist an Menschenverachtung, Ignoranz und Unkenntnis der sozialen Wirklichkeit in unserem Land kaum zu überbieten“.

 

Die Diakoniepfarrerin will sich in den kommenden Monaten ihre Erfahrungen sozialpolitisch weiter für die Situation von armen Menschen einsetzen. Ganz oben auf ihrer Agenda: intensive Gespräche mit Stuttgarter Kommunalpolitikern über die Einführung eines „Sozialtickets“ für Bus und Bahn.

 

„Unser ärztlicher Dienst wurde stark in Anspruch genommen“, bilanzierte Ärztin Regina Dipper, die gemeinsam mit fünf weiteren Ärzten eine Arztpräsenz in der Kirche aufgebaut hat. 200 Patienten hätten die Ärzte aufgesucht. Viele wüssten nicht, wie sie die Praxisgebühr und Medikamente bezahlen sollen. Dazu komme die Hemmschwelle vor der Hochglanzwelt der Arztpraxen.

 

Die Vesperkirche in Zahlen

2009 wurden in der Stuttgarter Vesperkirche rund 30.000 Mahlzeiten ausgegeben, das waren 600 bis 800 täglich. Ein Pool von 600 bis 700 Ehrenamtlichen ermöglicht die Vesperkirche. Die Kosten von insgesamt 240.000 Euro konnten 2009 mit Spenden abgedeckt werden. Karin Ott freut sich über die vielfältigen Formen der Unterstützung: Gemeindegruppen backen Kuchen, Unternehmen und Privatpersonen machen Großspenden, die Benefizreihe „Kultur in der Vesperkirche“ spielt Geld ein, und die Charity-Tafel „Tischlein deck dich“ brachte über 11.000 Euro.

 

Weitere Vesperkirchen im Land:

 

2009 waren es schon 18 Vesperkirchen in Baden-Württemberg – vier mehr als im Vorjahr. Nach Angaben der Veranstalter sind bis jetzt insgesamt rund 135.000 warme Mahlzeiten ausgegeben worden. Die Vesperkirchen in Esslingen und Ellwangen starten erst im März. Fast alle Vesperkirchen berichten von einer Zunahme der Gästezahlen. In Mannheim fand im Dezember erstmals eine spezielle Kinder-Vesperkirche statt. Vesperkirchen gibt es in Aalen-Wasseralfingen, Ellwangen, Esslingen, Geislingen, Giengen an der Brenz, Göppingen, Horb, Kirchheim/Teck, Mannheim, Nürtingen, Öhringen, Pforzheim, Ravensburg, Reutlingen, Rottenburg, Stuttgart, Ulm und  Villingen-Schwenningen. Weitere Vesperkirchen sind für 2010 in Planung.