21.02.13

„Ein Vorbild, aber auch ein gesellschaftliches Fragezeichen“

„Es ist die vornehmste Aufgabe der Kirche, für andere Menschen da zu sein – unabhängig davon, warum sie in Not geraten sind.“ Das sagte Landesbischof July bei seinem diesjährigen Besuch in der Stuttgarter Vesperkirche.

Landesbischof Frank Otfried July in Gesprächen mit Besuchern der Stuttgarter Vesperkirche [Foto: EMH]

Stuttgart. Jedes Jahr ist er mindestens einmal da. Dort, wo sich die Armut für wenige Wochen in Stuttgart  konzentriert: in der Vesperkirche. Mal gibt er Essen aus, mal hält er einen Gottesdienst, mal sucht er nur das Gespräch. „Es ist die vornehmste Aufgabe der Kirche, für andere Menschen da zu sein“, sagt der württembergische Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July. „Unabhängig davon, warum sie in Not geraten sind.“

In diesem Jahr schaut der Bischof vorbei, bevor er im Landtag einen Termin wahrnimmt.  Der ist nur ein paar Hundert Meter entfernt, doch die Welten könnten unterschiedlicher nicht sein. Dort das Parlament mit seiner Bannmeile, am Eckensee gelegen gegenüber den Tempeln der Hochkultur: Staatstheater und Staatsgalerie. Hier die Stuttgarter Leonhardskirche zwischen Kaufhäusern, Straßenstrich und den Betonmauern der Parkhäuser. Schon im Mittelalter hat die Leonhardskirche Pilger und Gefangene beherbergt. Heute kann man hier in der kalten Jahreszeit für 1,20 Euro zu Mittag essen oder sich Decken ausleihen und auf Kirchenbänken schlafen, wenn man eine Nacht im Freien hinter sich hat. Wer will, findet Ruhe, Berufsberatung und die Möglichkeit, sich die Haare schneiden zu lassen. Auch eine Kinderecke gibt es dort. Und medizinische Versorgung. Hans T., kommt jeden Tag hierher. Er zeigt auf sein linkes Bein. Es ist offen und schmerzt. „Gerade bei dieser Kälte“, sagt er. Hans ist einer der täglich etwa 600 Besucherinnen und Besucher.

Agnes P. holt ein Foto hervor. „Das war ich“, sagt sie und zeigt auf die junge Frau mit dem selbstbewussten, strahlenden Lächeln und den langen, lockigen Haaren. „Eine Schönheitskönigin.“ Sie lacht ein wenig, zuckt die Schultern und findet ein weiteres Bild. Schwarz-weiß und leicht vergilbt. „Meine Familie.“ Agnes als kleines Kind, zusammen mit ihren Geschwistern und Eltern. Eine heile Welt. „Entschuldige, dass ich nicht geschminkt bin“, sagt sie dann. „Mein Kumpel hat sich mit Tabletten tot gemacht. Deshalb bin ich hier. Die sollen das hier wissen.“

650 Ehrenamtliche engagieren sich in diesem Jahr wieder in dieser Vesperkirche. „Mehr konnten wir nicht aufnehmen“, meint die Stuttgarter Diakoniepfarrerin Karin Ott. Das Spektrum reicht von einzelnen Abgeordneten, die einen Tag oder wenige Stunden mithelfen, bis hin zu Schülern und Auszubildenden, die eine ganze Woche da sind. „Ein Phänomen. Und ein Vorbild in Europa“, wie der Landesbischof sagt. „Aber auch ein gesellschaftliches Fragezeichen.“ Ein Widerspruch und eine Herausforderung. „Wer über Armut redet, darf vom Reichtum nicht schweigen“, so Karin Ott. „Denn eigentlich ist genug für alle da. Geld und Chancen müssen nur anders verteilt werden.“

Eine Frau, Mitte 50, springt auf. „Nicht fotografieren!“, mahnt sie. „Ich will nicht, dass mich mein Vermieter hier sieht. Der ist manchmal so komisch. Man weiß ja nie.“ Sie wollte ihren beiden Kindern helfen, die studieren und finanziell in Bedrängnis geraten sind. Dabei hat sie sich verkalkuliert. Jetzt braucht sie selbst Hilfe.

In der Vesperkirche treffen sich Tag für Tag Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, kein Geld auf dem Konto, kein Essen im Kühlschrank. Menschen, die seit Jahren arbeitslos sind oder überschuldet oder krank. Menschen, die zu überleben versuchen, indem sie sich zu Hause einschließen oder betteln oder auf den Strich gehen. „ Anfangs kamen vor allem Obdachlose und Drogenabhängige. Heute sind es Alleinerziehende, Altersarme, Menschen aus der Generation Praktikum. Leute, die Tag für Tag hart arbeiten, aber von dem niedrigen Gehalt nicht leben können. Oder solche, die ihren Job verloren haben und nach einem Jahr in ein tiefes Loch fallen“, sagt Karin Ott. Sie hat beobachtet, wie Armut sich verfestigt. Gerade durch die Hartz IV-Gesetze. „Die Leute sehnen sich nach nichts mehr als nach Arbeit. Aber sie sind realistisch genug um zu wissen: das wird wohl nichts mehr. Mein Leben wird sich finanziell und sozial wohl nicht mehr ändern.“

Frank Otfried July muss weiter. Ins Parlament, um dort mit Sozialpolitikern zu sprechen. Doch er wird wiederkommen. Das hat er bereits zugesagt. „Armut fordert uns jeden Tag heraus. Aber als Christen wissen wir auch, dass wir mit jedem  noch so kleinen Schritt gegen die Armut Gottes Willen ein kleines Stück Wirklichkeit werden lassen“, so der württembergische Landesbischof.