21.02.11

Eine Stunde Star sein

In Deutschlands erster Vesperkirchen-Band wagen sich sozial schwache Menschen auf die Bühne - und begeistern vor der überfüllten Leonhardskirche / Epd-Bericht vom Konzert am 20. Februar.

Erfolgserlebnis: Roland Baisch und die Vesperkirchenband / Foto: Schweizer

Stuttgart (epd). Für das erste Konzert in ihrem Leben trägt Christina einen grünen Turban, ein rotes Hemd und eine rote Baumwollhose. "Meine bunte Kleidung lenkt von meinem bleichen Gesicht ab. Wenn ich aufgeregt bin, werde ich immer bleich", sagt die obdachlose Frau.

Christina singt zusammen mit 13 anderen Menschen in Deutschlands erster Vesperkirchenband "rahmenlos & frei". Die meisten Sängerinnen und Sänger leben von Hartz IV, sind arbeitslos oder krank - und haben ebenso wie Christina am Sonntagabend zum ersten Mal ein eigenes Konzert gegeben. "Wir singen nun ´I am sailing´. Das Lied ist von Rod Stewart, - aber heute von mir".

Beinahe trotzig hebt Christina ihren Kopf samt grünem Turban und blickt in die völlig überfüllte Stuttgarter Leonhardskirche. Mit lauter, durchdringender Stimme beginnt sie ihr Solo: "I am sailing, I am sailing ..." Nach ihr treten Otto und Christian ans Mikrofon. Die Stimmen der Männer klingen zaghaft, werden dann aber sicherer. "I am flying, I am flying ..."

Mit diesem Link gehts zu Podcast, Hörproben, Probenberichten und Fotos vom Konzert.

 

Christina wirft Kusshände ins Publikum und verbeugt sich. Sie strahlt. Vor drei Jahren sang sie in dem Singkreis eines Stuttgarter Sozialcafés ihr erstes Solo. "Damals habe ich gedacht, das geht nicht gut, jetzt hast du die Dreck am Hals", erinnert sich die Sängerin.

Doch das Gegenteil war der Fall. Sie wurde "entdeckt". Diakoniepfarrerin und Organisatorin der Vesperkirche, Karin Ott, lud sie einige Zeit später zur Vesperkirchenband ein. "Ich war damals so schüchtern. Heute bin ich anders drauf. Beim Singen darf man net zimperlich sein," sagt Christina.

"In die Vesperkirche kommen viele Menschen, die sich überflüssig fühlen und darunter leiden, ausgegrenzt zu sein," erklärt die Diakoniepfarrerin. "Dabei haben diese Menschen viele Begabungen und Fähigkeiten. Sie freut sich, dass in der Vesperkirchenband Menschen ein Konzert geben, die sich selbst meist kein Ticket für ein kulturelles Event leisten können. Organisiert wurde das Bandprojekt vom Kulturmanager und Vesperkirchen-Unterstützer Ralf Püpcke, der auch die Benefizreihe "Kultur in der Vesperkirche" ermöglicht.

Die Band "rahmenlos & frei" wurde vor einem Jahr in Deutschlands erster Vesperkirche gegründet, der Leonhardskirche in Stuttgart. "Wir nennen uns so, weil wir in keinen Rahmen passen, und nicht nach Noten, sondern frei Schnauze spielen", erklärt Sängerin Andrea.

Patrick Bopp von der A-cappella-Gruppe "Fuenf" leitet die bunte Gruppe. Für ihn ist es nicht wichtig, dass die Sänger alle Töne exakt treffen. "Wichtig ist die Atmo", sagt Bopp und meint damit die Atmosphäre. Der Berufsmusiker ist beeindruckt, wie respektvoll die Sänger miteinander umgehen. "Sie unterstützen sich und ermutigen sich gegenseitig, ein Solo zu singen."

In nur vier Proben erarbeitete die bunt zusammengewürfelte Gruppe selbst ausgewählte Lieder. Eine Mischung aus Schlagern wie dem "Caprifischer" und Pop-Klassikern wie "I am sailing". Eine Band von Profimusikern, darunter auch der Stuttgarter Musiker Roland Baisch, begleitet die Sängerinnen und Sänger.

Besonders begeistert ist Bopp von Melo und dessen charaktervollen Stimme. Melo bezeichnet sich selbst als "sizilianischer Schwabe" und singt schon sein ganzes Leben lang. "Ich bin Straßenmusiker und versuche mir etwas dazu zu verdienen. Das ist zwar nicht die Welt, die Menschen geben nie viel, aber es macht Spaß", sagt der junge Mann.

"Leute haben mich auf der Straße gefragt, ob ich nicht bei der Vesperkirchenband mitsingen möchte. Melo wollte. Beim Konzert singt er das Lieblingslied seiner beiden kleinen Töchter: "Mein kleiner grüner Kaktus" - und seine rauchige, tiefe Stimme füllt die Leonhardskirche aus. Das Publikum johlt begeistert. Melos zwei kleine Mädchen strahlen ihren Vater an.

Das Konzert ist vorbei, die Besucher applaudieren minutenlang im Stehen. "Das war ein Erlebnis, das glaubt man nicht," sagt Sänger Otto nach dem Konzert mit bebender Stimme. Die Augen des älteren Herrn mit weißem Vollbart füllen sich mit Tränen.

 

Terminhinweis: Am 30. März gibt "rahmenlos & frei" ein Konzert um 14 Uhr in der Frauenkirche in Esslingen.