20.04.13

„So viel Freude - genau wie bei uns“

Der Stuttgarter Vesperkirchenchor reiste nach Berlin - und traf den Berliner Straßenchor: eine Begegnung, hoffentlich mit Zukunft.

rahmenlos & frei beim Chortreffen in Berlin [Foto: Martin Kirchner]

Berlin, 11. April 2013. Christina strahlt. Strahlt und singt aus vollem Herzen. Eigentlich sollte sie ja noch im Krankenhaus liegen und  ihre Entzündung auskurieren. „Aber ich hab mich selbst entlassen“, sagt sie und grinst, „Ich wollte unbedingt mit nach Berlin.“

Da ist sie jetzt. Genau gesagt im Gemeindesaal der Zwölf-Apostel-Gemeinde in Berlin Schöneberg. Dort singt sie, zusammen mit den anderen von „rahmenlos & frei“, dem Chor der Stuttgarter Vesperkirche – und mit etwa 40 Berlinern vom Straßenchor. Zu ihm gehören ehemalige Straßenkids und Drogenabhängige, Obdachlose wie Christina und Menschen, die einfach gerne ihre Stimme ausprobieren. Die Biographien der Stuttgarter und der Berliner Sänger ähneln sich.

Die Stuttgarter Pfarrerin Karin Ott hat den Chor und die Band der Vesperkirche als Kulturprojekt gemeinsam mit Kulturmanager Ralf Püpcke im Januar 2010 initiiert. Püpcke, der den Chor „Mein Herzensprojekt“ nennt, kam selbstverständlich mit nach Berlin, ebenso wie Pfarrerin Ott. „Egal, was sie erlebt haben – die Leute, die hier mitmachen, sind keine Opfer, sondern tolle, einzigartige Persönlichkeiten“,  betont Karin Ott.

Jetzt machen sie also zusammen Musik, die Schwaben und die Berliner. Die Idee der Chorleiter, zuerst könne ja der Stuttgarter Chor singen, dann der Berliner, wird gleich von den Sängern verworfen. Lieber gleich alle zusammen! Es klappt. Auch wenn das Repertoire unterschiedlich ist – eher klassisch bei den Berlinern, mehr Pop-Rock-lastig bei den Stuttgartern – es passt. Und mischt sich: Cookie, das Ex-Punkmädchen aus Berlin, steht neben Melo, dem Straßenmusiker aus Stuttgart. Morgen wollen die beiden irgendwo in Berlin Musik auf der Straße machen. Die Berliner seien ganz schön wild, meint Melo mit Blick auf die Straßenkids aus dem Chor, die in der Pause Pogo tanzen. „Wir sind disziplinierter“, meint er und klingt ein bisschen stolz.

Der Vesperkirchenchor ist auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Ute Vogt (SPD) nach Berlin gereist. Bundestagsabgeordnete dürfen einmal im Jahr eine Gruppe aus ihrem Wahlkreis in die Bundeshauptstadt einladen. „Ute Vogt wollte bewusst einer Gruppe die Reise ermöglichen, die sich so etwas sonst nicht leisten kann“, sagt Karin Ott.

Christinas Augen leuchten nach anderthalb Stunden Singen noch mehr als vorher – und nicht nur ihre. Die Stuttgarter schwärmen von den tollen Stimmen der Berliner, besonders von Cookie und Andreas, einem eindrucksvollen Bass. Christina: „Die versprühen so viel Freude, die machen das mit Herzblut – genau wie wir.“

Kulturmanager Püpcke überlegt inzwischen zusammen mit seinem Berliner Kollegen Degroej, wie man die beiden Chöre nochmal zusammenbringen könnte: „Ein Konzert mit den Berlinern in der Stuttgarter Leonhardskirche – das wär’s.“ Die Berliner kämen gerne.