18.01.16

Wider die Resignation

Mit einem stimmungsvollen Gottesdienst eröffnete Diakoniepfarrerin Karin Ott am Sonntag Vormittag die 22. Stuttgarter Vesperkirche. Für den festlichen musikalischen Rahmen sorgten wieder die Hymnuschorknaben.

 

"In unserem reichen Land hat ich die Armut auf einem erschreckend hohen Niveau verfestigt. Die Schere öffnet sich", sagte Karin Ott in ihrer Predigt, in der sie sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit die Seligpreisungen Jesu heutzutage noch Bestand haben. "Keine Barmherzigkeit reicht aus, das Unrecht dieser Welt wettzumachen. Und Mitleid nützt weder denen, die leiden, noch denen, die mitleiden. Schnell stellen sich Zweifel ein. Zu tief ist der Kontrast zu unserer Wirklichkeit", erklärte die Diakoniepfarrerin.

Keine Vertröstung

"Jede einzelne Seligpreisung stellt unsere Erfahrungen im Alltag der Welt auf den Kopf, weil Jesus sie aus der Perspektive des Reich Gottes in einem neuen Licht erscheinen lässt", sagte Karin Ott. Die Seligpreisungen seien keine Vertröstung auf eine kommende Welt, sie zeigten vielmehr, dass Gottes Güte und Gerechtigkeit in der Welt sind, in den Schwachen, Wehrlosen und Hilflosen. Und sie befähigten, gewaltlos, barmherzig, reinen Herzens und friedenstiftend den Aufstand zu wagen gegen eine Gott- und menschenfeindliche Welt.

In diesem Sinne beging Karin Ott denn auch den Start der Vesperkirche: "Wir eröffnen heute wieder unsere Vesperkirche. Wir wollen das tun als solche, die trotz ernüchternder Realitäten in dieser Welt nicht resignieren. Die sich mit diesen Realitäten nicht einfach abfinden wollen, sondern sich ihnen entgegenstellen. Und dabei vertrauen wir nicht auf unsere eigene Kraft, sondern erwarten alles von Gott." 

"Mögen die kommenden Wochen eine segens- und hilfreiche Zeit werden", wünschte Christoph Hildebrandt-Ayasse, Pfarrer der Leonhardskirche. Nachdem Pfarrerin Ott das Brot gesegnet hatte, wurde es zum Abschluss an die rund 400 Gottesdienstbesucher weitergereicht. Im Anschluss erfreuten sich viele Gäste an dem Mittagessen, das traditionell kostenlos ausgegeben wurde.

Kulturreihe startete mit Mitgliedern des Staatsopernchors

Gleich am Eröffnungstag begann auch die Kulturreihe. Der Staatsopernchor beeindruckte mit Stimmgewalt und präsentierte einen kraftvollen Auftakt. Die 50 Frauen und Männer boten ein kurzweiliges, hochkarätiges Programm. Mit der Fledermaus, Auszügen aus dem Freischütz, aus Fidelio und Carmen begeisterten die Sänger ihr Publikum, so dass eine Zugabe nicht ausbleiben konnte. Der Gefangenenchor aus Nabucco setzte einen stimmungsvollen Schlusspunkt.    

Jeden Sonntag um 16 Uhr gibt es Kultur in der Vesperkirche, der Eintritt ist frei.

Bis zum 5. März ist die Vesperkirche täglich von 9 bis 16.15 Uhr geöffnet.

Ein warmes Mittagessen kostet 1,20 Euro, gratis sind Getränke und Vesperbrotbeutel und an einigen Nachmittagen Kuchen. Darüber hinaus werden Beratung und Gespräche angeboten, Ärzte und Zahnärztin, Hilfen für Tiere und eine Fahrradwerkstatt runden das Angebot ab.