18.01.10

16. Stuttgarter Vesperkirche hat begonnen

Bis 6. März bietet die Vesperkirche in der Leonhardskirche täglich warmes Essen, ärztliche Versorgung, Sozialberatung, Begegnung und Kultur für alle an. Am Eröffnungstag wurden 800 Essensportionen ausgegeben.

Begegnung über Milieugrenzen hinweg: die Vesperkirche / Foto: Reiner Fieselmann

Der Eröffnungstag begann mit einem festlichen Gottesdienst. "Brot gehört zu unseren elementaren Grundbedürfnissen", sagte Stuttgarts Diakoniepfarrerin Karin Ott in ihrer Predigt über den Vers ‚Unser tägliches Brot gib uns heute’. Es stehe "für das, was wir nötig haben, um in Würde zu leben" - etwa eine gute Ausbildung und Arbeit sowie „eine Rente, von der wir im Alter leben können. Wir brauchen die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.“

Die Diakoniepfarrerin berichtete von zunehmender Armut, der sie bei ihrer Arbeit begegne. In nackten Zahlen ausgedrückt: Allein in Stuttgart sind 49.000 Menschen auf Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen, darunter rund 11.000 Kinder. „In den vergangenen Monaten konnten wir miterleben, wie rasch und unkompliziert es plötzlich Schutzschilde gab für Banken und ganze Industriezweige“, sagte Ott und erinnerte damit an die milliardenschweren staatlichen Interventionen in der Finanz- und Wirtschaftskrise. „Doch wo sind die Schutzschilde für die Armen?“, fragte Ott.

Sie bezeichnete das Gebet als „die Quelle, aus der wir Kraft für unser Handeln schöpfen. ‚Unser tägliches Brot gib uns heute’, so beten wir, um uns von Gott die Hände füllen zu lassen und geben weiter, was Gott uns reichlich schenkt.“

Im Anschluss an den Gottesdienst wurde das erste warme Mittagessen der Vesperkirche 2010 ausgegeben: Sauerbraten, Kartoffelbrei und Salat. Nach Angaben von Koch Dieter Grabowski wurden über 800 Portionen ausgegeben.

"Mir ist das Herz aufgegangen..."

 

Der erste Vesperkirchentag endete mit einem klassischen Chorkonzert. Der Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart musizierte unter der Leitung von Friedemann Keck geistliche und weltliche Chormusik. Rund 300 Besucher aus den unterschiedlichsten Milieus – von bedürftigen Vesperkirchgästen bis zu bürgerlichen Konzertbesuchern – genossen ein atmosphärisch dichtes Konzert auf hohem sängerischem Niveau. Ein Genuss der Knaben-Chorklang, der wilde Rhythmen und Harmonien in William Matthias’ „Make a joyful noice to the lord“ ebenso beherzt und souverän meisterte wie die Phrasen eines Claudio Monteverdi oder die schwelgerischen Melodiebögen in Mendelssohns achtstimmiger Motette „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“. Ein Hörgenuss auch das Duett „Herr, ich hoffe darauf“ (Heinrich Schütz) der Knaben Johannes Grimm und Leopold Bier und Grimms Sologesang „Hark the echoin’ air“ (Henry Purcell). „Ich hätte mir keinen schöneren Abschluss unseres ersten Vesperkirchentages denken können“, bedankte sich Pfarrerin Karin Ott. „Mir ist das Herz aufgegangen und die Seele weit geworden.“