16.12.09

Mauern überwinden: 16. Stuttgarter Vesperkirche startet im Januar

Zum 16. Mal wird die Stuttgarter Leonhardskirche zur Vesperkirche: Vom 17. Januar bis 6. März 2010 steht der Kirchenraum an der Hauptstätter Straße täglich ab 9 Uhr offen für Bedürftige und Interessierte.

Vesperkirche, Ort der Begegnung

Stuttgarts Diakoniepfarrerin Karin Ott beklagt 20 Jahre nach dem Mauerfall „neue, unsichtbare Mauern – zwischen Armen und Reichen“. „Die Vesperkirche ist aus unserer Stadt nicht mehr wegzudenken“, sagte der Evangelische Stadtdekan von Stuttgart, Hans-Peter Ehrlich, vor Vertretern der Presse. Dies freue ihn und stimme ihn zugleich nachdenklich. Mit der Vesperkirche komme das Thema Armut einmal im Jahr in geballter Weise auf die Tagesordnung. Und das sei gut, denn Jesu Aussage „Arme habt ihr allezeit unter euch“ sei 2009 sehr aktuell. Nachdenklich stimmt Ehrlich, dass Armutsbiografien zunehmen.

Die Leiterin der Vesperkirche, Diakoniepfarrerin Karin Ott, kann das nur bestätigen. Das „Schreckgespenst“ der „neuen Armut“ hält sich in der Stadt, beobachtet sie. Ott sagt: „Was mich erschreckt: Armut wächst ungebremst in unserer Stadt.“ Denn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben im August 2009 rund 41.400 Menschen in Stuttgart ‚Hartz IV’ bezogen – ein Anstieg um 2.000 seit Dezember 2008. Jedes siebte Kind in Stuttgart lebt in Armut oder ist von Armut gefährdet. Dazu kommen rund 6.500 Sozialhilfeempfänger. „Die Wirtschaftskrise ist längst in Stuttgart angekommen, im Diakoniepfarramt erlebe ich das Tag für Tag“, berichtet Ott.

4 Jahre Hartz IV: viele Anschaffungen wurden aufgeschoben

 

Da gebe es die Frau, die sich die Zuzahlung zur dringend benötigten Brille nicht leisten könne. Eltern, die nicht wissen, wovon sie die Monatskarten für ihre schulpflichtigen Kinder zahlen sollen. „Seit der Einführung von Hartz IV vor vier Jahren haben viele Haushalte Anschaffungen aufgeschoben“, beobachtet Ott. Umso dringender sei nun häufig der Nachholbedarf.

Neue Mauern

 

Deutschland feiere 20 Jahre Mauerfall. Tatsächlich würden aber „neue, unsichtbare Mauern aufgerichtet. Mauern zwischen denen, die am gesellschaftlichen Leben teilhaben, und denen, die ausgeschlossen sind.“ Solche Mauern zu überwinden sei das Anliegen der Vesperkirche. Ott: „Vor 15 Jahren war den Erfindern der Vesperkirche um meinen Vorgänger Martin Friz klar: Arme Menschen brauchen, ergänzend zu den vielen sozialen Einrichtungen und Maßnahmen, einen Ort, wo sie willkommen sind, so, wie sie sind.“ Deshalb biete die Vesperkirche mehr als nur eine warme Mahlzeit.

Die Vernetzung mit den sozialen Fachdiensten werde ständig ausgebaut. „Wir machen bewusst keine Fachberatung, sondern versuchen, Gäste mit Bedarf an weiterer Unterstützung an bestehende Hilfsangebote zu vermitteln“, erläuterte Ott.

Neue Qualität der Zusammenarbeit

 

Thomas Winter, Geschäftsführer der Stuttgarter Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe, freut sich über die neue Qualität der Zusammenarbeit. Ein Sozialarbeiter der „Abteilung Dienste für Menschen in Wohnungsnot“ bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) arbeite im Team der Vesperkirche mit und stelle so die Brücke zu den ganzjährigen Angeboten her. Hinzu kommt: Die unterschiedlichen Träger haben sich Winter zufolge von ihrem „Alleinvertretungsanspruch“ gelöst. Die Ressourcen der sozialen Dienste würden knapper, gleichzeitig gebe es wachsende Herausforderungen. Winters Fazit: „Wir müssen schauen, dass wir Ressourcen zusammenführen und nicht konkurrieren.“ Die Vesperkirche mache ein Angebot, das kein Fachdienst bieten könne: „Hier begegnen sich Geschäftsleute und Obdachlose. Unsere Dienste schaffen es niemals, 600 Ehrenamtliche zu aktivieren wie die Vesperkirche, und auch so ein vielseitiges Kulturprogramm können wir nicht stemmen.“

Jeder Mensch hat ein Recht auf Kultur!

 

Bereits zum siebten Mal gibt es die Reihe „Kultur in der Vesperkirche“. „Jeder Mensch hat ein Recht auf Kultur“, so beschreibt Kulturmanager Ralf Püpcke seine Motivation, mit der er Jahr für Jahr die hochkarätige und vielseitige Kulturreihe ermöglicht. Musik-Comedy, Klassik, Jazz und zum ersten Mal auch ein Akustik-Pop-Duo spielen für Vesperkirchengäste, Mitarbeiter und Konzertpublikum. „So bekommen die Leute Gelegenheit, sich mit der Vesperkirche auseinanderzusetzen“, sagt Püpcke. Und zwar richtig viele Leute: im letzten Jahr war die Leonhardskirche mit 400 bis 600 Besuchern meist brechend voll. Die Konzerte sind jeden Vesperkirchen-Sonntag um 16 Uhr. Neu ist Püpckes Idee, eine Band und einen Chor mit Vesperkirchengästen zu gründen.

Das Mittagessen in der Stuttgarter Vesperkirche gibt es schon für 1,20 Euro, nachmittags werden kostenlos Vesperbeutel verteilt. Doch mindestens genau so wichtig wie das warme Essen sind die vielfältigen Angebote zur Begegnung. Jeder Tag in der Vesperkirche geht um 16 Uhr mit einer Andacht zu Ende. Sechs ehrenamtlich tätige Ärztinnen und Ärzte sind abwechselnd vor Ort im Einsatz. Immer montags kann man sich kostenlos die Haare schneiden lassen. Tierärzte kümmern sich um die Haustiere der Vesperkirchengäste.

Diakoniepfarrerin Karin Ott geht davon aus, dass zur kommenden Vesperkirchen-Aktion wieder täglich zwischen 600 und 800 warme Mahlzeiten ausgegeben werden. Die Hilfsaktion finanziert sich ausschließlich aus Spenden, die Kosten liegen bei etwa 230.000 Euro. Die Stuttgarter Vesperkirche ist zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Hilfsaktionen im Land geworden, in diesem Jahr gibt es Vesperkirchen zum ersten Mal in Heidenheim, Ludwigsburg und Tübingen.

Weitere Informationen:

 

Vesperkirche Stuttgart im Internet: www.vesperkirche.de.


Liste aller Vesperkirchen in Baden-Württemberg im Internet:: www.elk-wue.de/index.php?id=51938.


Spendenkonto der Stuttgarter Vesperkirche:

2 464 833, Baden-Württembergische Bank, BLZ 600 501 01