15.03.08

Abschied von der Vesperkirche

Für Diakoniepfarrer Martin Friz war die 14. Vesperkirche die letzte, er geht zum 1. Oktober 2008 in den Ruhestand. Friz hatte vor 13 Jahren die erste Vesperkirche im Land initiiert.

Liebe Gäste, liebe Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter!

 

Gut erinnere ich mich noch an den aller ersten Vesperkirchentag vor 13 Jahren: Hinter uns lagen Wochen voller Improvisation und Tage, an denen wir von einer Verlegenheit in die andere fielen. Ein neuer Fußboden musste konstruiert werden, Geschirr besorgt, ein Platz für die Essensausgabe festgelegt, Tische und Stühle organisiertund gestellt werden. Und zehn Minuten vor Beginn des Eröffnungsgottesdienstes lief dann endlich auch das Wasser imToilettenwagen. Wir feierten einen eindrucksvollen Eröffnungsgottesdienst miteinander und viele Menschen begleiteten uns in die erste Vesperkirche, sie aßen mit uns und gingen dann wieder heim – und wir blieben mit etwa 20 Gästen zurück. Das hat uns etwas ins Grübeln gebracht, aber auch unsere Gäste mussten sich erst an Vesperkirche gewöhnen. Später sagte mir einer: „Wir wussten am Anfang nicht so recht, was Kirche plötzlich mit uns am Hut hat“.

 

Vieles hat sich seither in der Stuttgarter Vesperkirche verändert: Bis zu 1000 Menschen täglich leben mit uns und um die 1000 Ehrenamtliche leben umschichtig mit. Vieles ist dazu gekommen seit jenem ersten Vesperkirchentag: Ärztliche Versorgung, Beratungsangebote, Kulturprogramm, tierärztlicheDienste und vieles mehr. Die Ideen und Überzeugungen, die wir von Anfang an in der Vesperkirche miteinander gelebt haben, sind aber dieselben geblieben:

- Wir alle sind gleich geliebte Geschöpfe und Ebenbilder Gottes. Wir müssen deshalb die Würde des anderen nicht machen, aber wir können sie achten und auch mit Ihnen neu entdecken.

- Auf diesem Hintergrund macht es Sinn geschwächte, kranke und verarmte Menschen in unsere Mitte zu nehmen und ihnen nicht nur unsere Restbarmherzigkeitgnädig zuteil werden zu lassen.

- So wurde die Vesperkirche zu einem Lebensort, der für viele Menschen wichtig ist. Ein Ort auch an dem man in Würde arm sein kann.

 

Es war schön, dass ich seit jenem ersten Tag vierzehn Vesperkirchen lang Teil des gemeinsamen Lebens in der St. Leonhardskirche sein durfte. Wenn man es zusammen rechnet, habe ich jetzt über zwei Jahre Tag für Tag in der Vesperkirche gelebt. Unzählige Gespräche und Begegnungen haben mich in dieserZeit gefordert, aber vor allem geprägt und persönlich bereichert. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich danke dem Diakonenteam mit Sonja Berger, den Ehrenamtlichen, der Küchenmannschaft mit Dieter Grabowski, den Fahrern, dem Putzteam, aber vor allem auch unseren Gästen für viel Nähe und Zuwendung, die ich gespürt habe. Lebt die Vesperkirche einfach gemeinsam weiter und seit alle miteinander Gott befohlen.

Euer Martin Friz