10.09.15

Kirchengemeinden und Initiativen für Flüchtlinge

„Die große Hilfsbereitschaft kommt an der Basis, in den Stadtteilen an“, berichtet Pfarrerin Friederike Weltzien. Die Obertürkheimer Theologin und Therapeutin engagiert sich in den Flüchtlingsunterkünften in Hedelfingen und Wangen.

Engagiert sich für Flüchtlinge: Die Obertürkheimer Pfarrerin Friederike Weltzien [Foto: privat]

„Ich freue mich über die spontane Hilfsbereitschaft“, sagt Pfarrerin Weltzien. “Täglich rufen Leute an. Sie wollen sich einbringen oder etwas spenden.“ Nun sei es wichtig, dieses Engagement über die nächsten Wochen und Monate zu erhalten. „Die Menschen wollen helfen. Sie suchen Organisationsformen und Strukturen, wo sie sich einbringen können, ohne sich zu überfordern.“ Da hätten die Kirchengemeinden und ihre Netzwerke „einiges zu bieten“.

Kirchengemeinden und Bürgerinnen und Bürger aus Obertürkheim, Uhlbach und Wangen haben im vergangenen November gemeinsam eine Initiative zur Willkommenskultur gegründet. Inzwischen stehen 100 engagierte Bürgerinnen und Bürger auf der E-Mail-Liste. In Wangen bestand bereits ein Freundeskreis. Mit ihm und seinem Know How hat sich die Initiative zusammengeschlossen. Aktuell engagiert sie sich für die Unterkünfte Autohof und Viehwasen in Stuttgart-Wangen, in diesen Tagen kommt die neue Unterkunft in Hedelfingen dazu.

+++ Linktipp: Sie wollen sich für Flüchtlinge engagieren oder spenden? Auf dieser Seite der Stadt Stuttgart bekommen Sie dafür wichtige Infos: http://www.stuttgart.de/wir-fuer-fluechtlinge. Bei den Seiten der einzelnen Freundeskreise finden Sie die Angaben zu Spendenkonten. Sachspenden sind in den meisten Unterkünften nicht mehr gefragt, da es kaum geeignete Lagerräume gibt. +++

Das Engagement der Ehrenamtlichen ist vielfältig, „jeder sucht etwas, was er gut kann und wo er oder sie sich einbringen kann“, beobachtet Friederike Weltzien. Manche machen regelmäßige Angebote, etwa wöchentlichen Deutschunterricht für Flüchtlinge. Donnerstagnachmittags macht der Freundeskreis ein Angebot für Kinder. Ein Rentner bietet gemeinsames Malen mit Wasserfarben an – ein Angebot, das viele Flüchtlinge dankbar annehmen. Weltzien: „Es tut vielen gut, so ein Angebot ist ja auch eine Form von zwischenmenschlicher Zuwendung.“ Viele Ehrenamtliche pflegen auch Einzelkontakte zu Flüchtlingen, begleiten sie bei Arztbesuchen, Behördengängen, bei der Wohnungssuche, oder sie besuchen mit Flüchtlingen kulturelle Veranstaltungen. Und Kirchengemeinden laden Flüchtlinge zu Gemeindefesten und Gottesdiensten ein.

Friederike Weltzien ist selbst regelmäßig in den Unterkünften. Sie spricht fließend Arabisch, hat deshalb rasch das Vertrauen vieler syrischer Flüchtlinge gefunden. „Ich freue mich, wenn ich Gelegenheit habe, Arabisch zu sprechen“, sagt sie lachend. Weltzien war neun Jahre lang Pfarrerin in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Bei ihren Besuchen in den Unterkünften geht es aber nicht allein um den Kontakt mit den Flüchtlingen und um alltägliche Hilfestellungen. Wichtig ist auch, einen guten Kontakt zu den Sozialarbeitern in den Unterkünften zu halten.

Friederike Weltzien kümmert sich um viele organisatorische Dinge der Initiative. Am Herzen liegen ihr auch die monatlichen Fortbildungsangebote für die Ehrenamtlichen. "Der Kontakt mit den Flüchtlingen bedeutet ja eine persönliche Herausforderung. Man begegnet Menschen, die Elend, Krieg und Flucht erlebt haben und traumatisiert sind“, sagt Weltzien. In den monatlichen Fortbildungsangeboten geht es etwa darum, wie sich der muslimische Glaube auf das Alltagsleben auswirkt, oder um den Umgang mit traumatisierten Menschen.

Weltzien wird demnächst auch ihre Fähigkeit als Tanztherapeutin für die Flüchtlinge zur Geltung bringen. Gemeinsam mit  einer Kollegin bietet sie ab Oktober eine tanztherapeutische Gruppe zur Bearbeitung von Traumata an. All diese Aktivitäten sind, gemeinsam mit ihrer 75-Prozent-Stelle als Gemeindepfarrerin, nicht in einer 40-Stunden-Woche unterzubringen. „Ich muss sehen, wie ich das alles austariere“, sagt sie. Doch ihr Engagement für Flüchtlinge liegt ihr am Herzen. Und sie sieht darin eine große Aufgabe und Chance für die Kirchengemeinden. Es gehe nicht darum, dass die Gemeinden alleine aktiv werden, sondern dass sie sich in Bürgerinitiativen verbünden und ihre Strukturen, Kontakte und Möglichkeiten einbringen.

Viele weitere Stuttgarter Kirchengemeinden engagieren sich

Wangen, Obertürkheim und Uhlbach gehen mit gutem Beispiel voran. Doch auch viele weitere Kirchengemeinden bringen sich in die bürgerschaftlichen Netzwerke für Flüchtlinge ein. Hier einige Beispiele:

  • Die Kirchengemeinde Heslach ist mit mehreren Personen – darunter eine Kirchengemeinderätin und die Gemeindesekretärin – in  den Freundeskreisen für zwei Flüchtlingsunterkünfte aktiv und hält Kontakt zu einer dritten Unterkunft in Heslach.
  • Die Friedenskirchengemeinde (Stuttgart Mitte und Ost) ist eng vernetzt mit dem Freundeskreis für die Flüchtlingsunterkunft in der Landhausstraße.
  • Stuttgart-Botnang: Eine von drei Specherinnen/Sprechern des "Freundeskreis Flüchtlinge Botnang" ist Pfarrerin Marianne Baisch. Der Freundeskreis bereitet sich auf den Bezug der geplanten Flüchtlingsunterkunft vor.
  • In Stuttgart-Hofen gibt es bereits seit einem Jahr einen sehr regen Freundeskreis für Flüchtlinge, in dem sich auch die evangelische und die katholische Kirchengemeinde engagieren.
  • Neugereut: Ein Freundeskreis mit Beteiligung der Kirchen ist im Aufbau, in Neugereut ist für 2016 eine Flüchtlingsunterkunft geplant.
  • Bad-Cannstatt/Hallschlag: Die Steigkirchengemeinde lädt Interessierte, die einen Freundeskreis für Flüchtlinge gründen wollen, zu einem ersten Treffen ins Gemeindehaus ein. Termin: 15.9.2015, 19:30 Uhr. Die Kirchengemeinde bietet an, den Freundeskreis zu unterstützen und Räume zu stellen.
  • In Weilimdorf werden zwei Flüchtlingsunterkünfte gebaut. Ein großer Flüchtlingskreis steht bereit, aufgebaut wurde er auf Initiative der Bezirksvorsteherin mit Unterstützung der Kirchen. In einer Wohnung der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde sind zwei jugendliche Flüchtlinge untergebracht. Ein Kirchengemeinderat, pensionierter Lehrer, hilft den Flüchtlingen beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Schulstoff.
  • In Plieningen engagieren sich über 100 Männer und Frauen im Arbeitskreis für Flüchtlinge. Sie betreuen die seit August 2014 bestehende Flüchtlingsunterkunft. Der Plieninger Pfarrer Hans-Peter Ziehmann engagiert sich, hat beispielsweise Gesprächsrunden mit Anwohnern der Unterkunft moderiert. Viele weitere Aktive kommen aus der Kirchengemeinde, organisatorische Unterstützung gibt die benachbarte Kirchengemeinde Asemwald.
  • Sprecher des Möhringer AK Asyl ist der evangelische Pfarrer Winfried Maier-Revoredo.

  • Darüber hinaus gibt es in ganz Stuttgart zahlreiche Gottesdienstreihen und Gemeindeveranstaltungen rund um das Thema Flucht.
  • Beim Vortrag "Die Schwarze Macht" im Hospitalhof am 28. September geht es um den "Islamischen Staat (IS) und die Strategien des Terrors". Spiegel-Korrespondent Christoph Reuter kommt an diesem Abend auch auf Fluchtursachen aus den IS-Terrorgebieten zu sprechen. Beginn ist um 19 Uhr.
  • Bei mehreren Waldheimfreizeiten waren in diesem Sommer Flüchtlingskinder ausdrücklich eingeladen, so im Waldheim Degerloch, im Waldheim Möhringen und im Waldheim Johannes.
  • In diesen Tagen verhandeln die Waldheimträger, darunter als größter der Evangelische Kirchenkreis Stuttgart, mit dem Stuttgarter Sozialamt darüber, welche Waldheime als Flüchtlingsunterkünfte in Frage kommen. „Waldheime eignen sich besser als Turnhallen“, sagt Kirchenpfleger Hermann Beck. Wichtig sei, dass die Waldheime verkehrstechnisch gut angebunden sind, um keine Flüchtlingsgettos zu schaffen.
  • Und die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart hat ihre Türen für Flüchtlinge geöffnet. Ganz konkret: In fünf Wohnungen der Gesamtkirchengemeinde leben 25 Flüchtlinge.


Weitere Infos:
http://www.stuttgart.de/wir-fuer-fluechtlinge
http://www.elk-wue.de/arbeitsfelder/fluechtlingshilfe/