09.03.07

Armut in einer reichen Stadt

Mercedes-Museum, Porsche-Arena, Bambi-Verleihung - Stuttgart funkelt und glänzt. Manchmal putzt es sich auf wie eine Braut, die auf der ganzen Welt einen Bräutigam sucht.

Josef-Otto Freudenreich ist Journalist der Stuttgarter Zeitung

Wahrscheinlich muss auch deshalb das Milliarden teure Stuttgart 21 sein, damit sie schnell zueinander kommen. Vor dem Bahnhof flanieren die Bürger die Königsstraße rauf und runter, mit vollen Taschen, und der Flughafen freut sich jedes Jahr über ein neues Rekordergebnis. Auf ihren Wegen sehen sie im Augenwinkel vielleicht den einen oder anderen Menschen, der nicht ins Straßenbild passen will. Der an der Ecke sitzt und bettelt, oder auf einer Bank sitzt und trinkt. Eher flüchtige Wesen in einer scheinbar aufgeräumten Stadt. Man muss schon in die Schwäbischen Tafeln oder in die Vesperkirche von Pfarrer Friz gehen, um die Armut im reichen Stuttgart in ihrem wirklichen Ausmaß zu erkennen. Nicht nur, weil dort so viele Bedürftige sind, sondern auch, um zu sehen, was es für Menschen sind. Wer mit ihnen spricht, lernt, wie Armut entstehen kann, wie sie den Alltag prägt und die Zukunft verdüstert. Vor allem für die Kinder. Und der Fragende wird, sofern nicht völlig ignorant, Vorurteile zumindest überprüfen.

 

Von wegen jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, und dafür muss er sich nur genügend anstrengen. Es sind ja schon lange nicht mehr nur die Obdachlosen, die sich über eine warme Mahlzeit freuen. Es sind Mütter mit ihren Kindern, Großmütter mit ihren Enkeln und Arbeitslose, die nicht mehr wissen, warum sie morgens aufstehen sollen. Sie treffen sich in der Kirche, lassen sich die Haare schneiden, essen und sprechen miteinander. Sie haben sich aus der Anonymität ihrer Wohnungen getraut, in einen öffentlichen Raum, was schwer genug fällt, weil man sich für Armut in dieser Gesellschaft schämen muss. Hier geben sie ihr ein Gesicht. Und wer in diese Gesichter schaut, sieht, dass viele von ihnen in der Mitte der Gesellschaft leben. Das kann durchaus auch ein Banker sein, dessen Arbeitgeber glaubt, die Profite weiter erhöhen und die Mitarbeiter entlassen zu müssen. Denn wahr ist: Wer heute gekündigt wird und über 50 Jahre alt ist, kann ganz schnell dort ankommen, was heute, eindeutig stigmatisierend, Unterschicht heißt. Die 40 000 Hartz IV-Empfänger unter den knapp 600 000 Einwohnern werden sich dort sicher aufgehoben fühlen.

 

Man muss schon Guido Westerwelle heißen (und der steht nur stellvertretend für viele Politiker), um all denen ungestraft sagen zu können, sie sollten einsteigen statt aussteigen, ein „anstrengungsloses Auskommen“ sei nicht zu haben. Ihn hätte man aus der Stuttgarter Oper herausholen und in die Vesperkirche stecken müssen und so lange nicht wieder rauslassen dürfen, bis er sich mindestens zehn Lebensläufe angehört hätte. Dann hätte das Dreikönigstreffen der FDP wenigstens einen Sinn gehabt.

 

Josef-Otto Freudenreich