09.02.07

"Du kannst auch was tun"

An ihren freien Samstagen schneidet Gülseran Deli den Gästen in der Vesperkirche die Haare.

Gülseran Deli lacht und wirft ihre langen, glänzenden Haare mit einem energischen Schwung nach hinten. Da muss auch Petra Idler grinsen. Sie ist die Chefin von Gülseran und Inhaberin von „Petra" – einem Friseursalon im Hallschlag. „Petra hat mich immer motiviert dranzubleiben und weiterzuarbeiten", nickt Gülseran. Die beiden Frauen sind viel mehr Freundinnen als Angestellte und Chefin.

 

An ihren freien Samstagen schneidet Gülseran Deli den Gästen in der Vesperkirche die Haare. In der Kirche ist hinter dem Altar ein kleiner „Friseursalon" aufgebaut. „Es ist schon ungewöhnlich, in einer Kirche Haare zu schneiden. Aber ich habe das von Anfang an als normal angenommen", sagt die Muslimin. Türkin? Kurdin? „Ich mach da keine Unterschiede", schüttelt Gülseran Deli den Kopf. Ihre Eltern kommen aus dem Südosten der Türkei, dort wo viele Kurden zuhause sind. Gülseran selbst, die in Stuttgart geboren ist, war noch nie dort. „Hin will ich schon mal, aber dann möchte ich mir viel Zeit nehmen". Kontakte gibt es zur Familie ihres Vaters. „Ja, manchmal rufen mein Onkel, meine Tante an. Und wenn die Verwandten hier zu Besuch sind, ist es immer nett", sagt sie. „Die Familie ist natürlich wichtig, wie das bei uns halt so ist", nickt sie, gesteht aber, dass sie wenn, dann doch lieber Ferien in typisch türkischen Badeorten macht.

 

Natürlich hat sie ihren eigenen Kopf. Dennoch waren es ihre Eltern, die auf einer Ausbildung bestanden hätten. „Ich hätte auch einfach so weitergejobbt", scheinbar völlig unbeschwert geht die junge Frau durchs Leben. Doch hinter ihrer Leichtigkeit steckt eine tiefe Ernsthaftigkeit. „Jeder hat seine Geschichte. Es gibt gute Gründe, warum die Menschen so geworden sind". Gülseran Deli sitzt in ihrer Mittagspause in einem der Friseurstühle im Salon und spricht von ihren Erlebnissen aus der Vesperkirche. Manchmal entdeckt sie Kunden aus dem Friseursalon in den Tischreihen: „Den Hallschlag kennt jeder und jeder weiß, dass es hier viele Sozialfälle gibt." Manchmal „verschwinden" Kunden sagt sie. Von heute auf morgen seien sie jahrelang nicht mehr gesehen. „Da weiß ich schon: „Aha, der ist im Knast. Zwei Jahren später steht er dann wieder im Salon. Kein Problem, wir schneiden die Haare."

 

Einmal hat auch Gülseran „hingeschmissen". Nach der Lehre wollte sie nicht mehr weiterarbeiten. „Ich hab gedacht, ich schaff das nicht". Acht Monate war Gülseran arbeitslos. „Und auf dem Weg zum Arbeitsamt ist mein Auto mitten auf der Kreuzung liegengeblieben. Den Termin habe ich natürlich verpasst. Was schlimm war, die Beraterin hat mir die Panne nicht geglaubt. Da habe ich so einen Schreck gekriegt, dass ich sofort bei Petra wegen eines Jobs nachgefragt habe." Den hat sie auch prompt bekommen. Dabei ist es kein Zuckerschlecken, einen Friseurbetrieb im Hallschlag zu betreiben. „Manchmal denke ich, ich wäre froh, wenn hier auch so viele Menschen zum Haare schneiden Schlange stehen würden wie in der Vesperkirche", sagt Petra Idler.

 

„Viele sprechen mich darauf an und sagen, das ist toll was du in der Vesperkirche machst. Aber ich antworte: Du kannst auch was machen", sagt Gülseran Deli selbstbewußt. Sie ärgert sich, wenn viele nur meckern, anstatt was zu tun. Wie bei der Sache im Supermarkt. „Ein Mann stand an der Kasse und sein Geld reichte nicht. Es war nicht viel. Und jeder sah, dass es ihm nicht so gut ging. Der Mann wollte schließlich einen Kuchen zurückgeben. Da habe ich zu der Kassiererin gesagt: Setzen Sie den Restbetrag auf meine Rechnung. Jeder in Schlange hätte das tun können, aber alle haben nur gemeckert dass es nicht weiterging".