08.03.15

Aus dem Schatten ins Licht

Mit einem festlichen Gottesdienst endete gestern die 21. Stuttgarter Vesperkirche. Die Gesellschaft brauche „‚Lückenschließer‘, auch in den 45 Wochen bis zur nächsten Vesperkirche“, sagte Diakoniepfarrerin Karin Ott in ihrer Predigt.

Abschlussgottesdienst 2015 [Foto: Schweizer]

Barmherzigkeit sei in der Bibel ein Maßstab für Klugheit, so Ott. Barmherzige Menschen würden im Buch Jesaja als „Lückenschließer“ bezeichnet. Dies sei durchaus als Ehrentitel gemeint. „Lückenschließer bessern Risse im Miteinander aus, sie sind Menschen, die sagen: Hier sind wir.“ Und wenn sich immer mehr Lückenschließer finden, „bringt uns das dem Tag näher, an dem wir uns hier in der Vesperkirche treffen und ein großes Fest feiern, weil jede und jeder hat, was er zum Leben braucht.“

„In der Vesperkirche werden Menschen, die öffentlich im Schatten der Gesellschaft stehen, ins Licht gerückt“

Im Gottesdienst berichteten mehrere Mitarbeiter, was ihnen die Vesperkirche bedeutet. „Hier herrscht so viel Respekt und Achtung voreinander“, sagte die ehrenamtliche Mitarbeiterin Karin Soiniemi. Für Christoph Hildebrandt-Ayasse, Gemeindepfarrer an der Leonhardskirche, ist die Vesperkirche „ein ganz großer Schatz“. Die vielen unterschiedlichen Menschen „nehmen einander wahr, teilen das Leben, so wie es ist, mit allem Drum und Dran.“ „In der Vesperkirche werden Menschen, die öffentlich im Schatten der Gesellschaft stehen, ins Licht gerückt“, sagte Diakon Martin Pomplun-Fröhlich aus Stuttgart-Vaihingen. Er gab aber zu bedenken: „Warum schaffen wir es so selten, Sie, die Gäste der Vesperkirche, übers Jahr in die Kirchengemeinden einzuladen und einzubinden?“ Die Gemeinden müssten ihre Angebote daraufhin überprüfen, wie sich Menschen vom Rand der bürgerlichen Gesellschaft willkommen fühlen.

Zum Abschluss, wie alle Jahre, die „Weitergabe des Lichts der Vesperkirche“: Als Hoffnungszeichen stellten sich alle Gottesdienstbesucher im weiten Kreis auf und zündeten einander Kerzen an. So lag Abschiedsstimmung in der Luft, manche Träne wurde verdrückt, aber auch ein Lächeln – weil es „einfach so schön“ war, wie eine Gottesdienstbesucherin mit belegter Stimme sagte. Vielleicht auch, weil die Vesperkirchenband rahmenlos & frei den Gottesdienst musikalisch gestaltet hatte, unter anderem mit Eric Claptons „Tears in Heaven“ und Rod Stewards „I am sailing“ – Titel, die eher selten in Gottesdiensten erklingen, die aber für Gänsehaut und große Gefühle sorgten.


Am 17. Januar 2016 öffnet die 22. Stuttgarter Vesperkirche in der Leonhardskirche wieder ihre Pforten. 2015 waren durchschnittlich knapp 600 Essensportionen pro Tag ausgegeben worden, 800 ehrenamtliche Mitarbeitende unterstützten die Vesperkirche tatkräftig.