06.12.11

Im Januar startet die 18. Vesperkirche

Am 15. Januar 2012 wird die Stuttgarter Vesperkirche zum 18. Mal ihre Gäste herzlich willkommen heißen. Bis zum 3. März werden wieder täglich bis zu 800 Besucher in der Leonhardskirche einen Raum zum Essen, zum Ausruhen, zum Aufwärmen, zum Reden, zum Zuhören und zum Einfach-nur-Dasein vorfinden. Der Bedarf an diesem Angebot ist ungebrochen, sagen die Verantwortlichen.

Täglich Mittagessen, Gesellschaft, Rat und Hilfe / Foto: Thomas Rathay

Morgens ab 9 Uhr steht schon der erste Kaffee bereit, um 16 Uhr beschließen Mitarbeiter und Gäste den Tag mit einer kurzen Andacht. Der Bedarf an Vesperkirche ist nach wie vor ungebrochen, auch wenn dies in den ursprünglichen Plänen so nicht vorgesehen war. „Man dachte damals, dass man dieses Angebot nur ein paar Jahre benötigen werde“, erinnert sich Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich. Doch die Entwicklung ging in eine ganz andere Richtung.  Von ursprünglich 70 Besuchern wuchs die Stuttgarter Vesperkirche auf 550 bis 800 Gäste und insgesamt 29 000 ausgegebene Mittagessen im vorigen Jahr. „Wir verzeichnen eine stetige leichte Zunahme“, sagt Diakoniepfarrerin Karin Ott.


Diese Erfolgsgeschichte hat für Dekan Ehrlich und Pfarrerin Ott zwei Seiten. „Sie zeigt, dass sich Armut verfestigt und verstetigt hat in unserer eigentlich doch so reichen Stadt“, erklärt Stadtdekan Ehrlich. Während die Wirtschaft wieder boomt, wächst die Gruppe jener Menschen, die in Armut am Rande der Gesellschaft leben und wenig Aussicht darauf haben, auf der gesellschaftlichen Leiter wieder ein Stück weiter nach oben zu kommen. 62 Prozent aller Stuttgarter Hartz-IV-Empfänger seien bereits zwei Jahre oder länger auf diese Unterstützung angewiesen, erklärt Karin Ott. „So bleibt die Vesperkirche auch in ihrem 18. Jahr im doppelten Sinn ein Armutszeugnis“, betont Stadtdekan Ehrlich.


Die 1995 gegründete Stuttgarter Vesperkirche war die erste ihrer Art in Baden-Württemberg. Mittlerweile gibt es 25 Vesperkirchen im Land von Bopfingen bis Pfullendorf, Villingen-Schwenningen bis Biberach. Im Laufe der Jahre hat sich ein breites Unterstützungsangebot in der Leonhardskirche etabliert. Fester Bestandteil sind die Ärzte, die Besucher auf Wunsch medizinisch versorgen. Dank dem Friseurteam am Montag ist es manch einem Gast möglich, sich die Haare schneiden zu lassen. Auch die Fahrradwerkstatt der Neuen Arbeit wird dieses Jahr wieder dabei sein.


Konzerte und Lesungen mit renommierten Stuttgarter Autoren

 

Natürlich kommt wieder Kultur ins Programm, so dass arme Menschen in den Genuss kommen, ohne Berührungsängste ein Konzert besuchen zu können. Und es gibt auch wieder etwas Neues: Stuttgarter Autoren werden am Nachmittag in der Vesperkirche eine Lesung veranstalten. Adrian Zielcke eröffnet den Reigen am 9. Februar um 15 Uhr, ihm werden Elisabeth Kabatek und Nilgün Tasman folgen.

 

In demselben Maße, wie der Bedarf stieg, hat sich in der Vesperkirche im Laufe der Jahre das Netz an Hilfen verfestigt. 560 Menschen packen mittlerweile mit an und helfen dort, wo es nötig ist. Die älteste Ehrenamtliche ist 84 Jahre alt, die Jüngsten können ab 16 Jahren mitmachen. „Wir bekommen täglich weitere Anfragen“, erklärt Diakoniepfarrerin Ott. Keiner soll abgewiesen werden. „Wer helfen will, der soll bei uns auch die Gelegenheit dazu bekommen“, erklärt sie. Hier in der Vesperkirche soll es die Möglichkeit zur Begegnung, des friedlichen Miteinanders der verschiedensten Menschen geben. „Vesperkirche heißt Anerkennung und Begegnung auf Augenhöhe. Gerade hier in der Kirche soll ein Ort sein, an dem für alle Menschen ihre eigene Würde erfahrbar wird“, sagt Stadtdekan Ehrlich.


Die Vesperkirche im Internet: www.vesperkirche.de.