06.02.07

Gesundheitsrisiko Armut

„Wenn du arm bist, musst du früher sterben", bringt Sozialmediziner Professor Gerhard Trabert die Gesundheitsreform auf den Punkt

Gleich eine ganze Klasse der Krankenpflegeschule Waiblingen kam zum Vortrag in die Vesperkirche. „Wir beschäftigen uns gerade mit dem Thema arme und reiche Menschen, da habe ich der Klasse vorgeschlagen, heute Abend in den Vortrag zu gehen", sagt Schulleiterin Brigitte Bühler. Die Klasse nickt. Alle sind gespannt auf die Inhalte. „Wir werden ja als Krankenpfleger später mit der Situation täglich konfrontiert sein", sagen die Schüler unisono.

„Wenn du arm bist, musst du früher sterben.

 

Gesundheitsrisiko Armut" – ein provokanter Titel, den viele auch als Provokation empfunden haben. „Aber leider ist es wahr", bestätigt Professor Gerhard Trabert, der an der Fachhochschule Nürnberg unterrichtet. Als Sozialmediziner und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. kennt er die knallharte Zahlen: Vier Millionen Menschen in Deutschland, darunter zwei Millionen Kinder, leben in Armut. 400.000 Menschen sind Obdachlos. Während zehn Prozent über die Hälfte des Geldvermögens verfügen, sind andererseits ein Viertel der Haushalte in Deutschland überschuldet.

„Armut hat aber nicht nur mit dem Einkommen zu tun", sagt Trabert. Es gehe um Wohnraum, um Bildung, die Arbeit und die Versorgung mit technischer und sozialer Infrastruktur. Arbeitslose, Rentner und Kinder führen im Armutsbericht die Liste der Betroffenen an. Bei solchen Ausgangsvoraussetzungen, scheint ein Gesundheitsrisiko offenbar vorprogrammiert. Wer schon als Kind in Armut aufwachse, sei später häufiger krank, dies belege die Statistik. „Nach der Gesundheitsreform 2004 hat die Zahl der Lungenentzündungen zugenommen, weil die Menschen viel später zum Arzt gehen", sagt Trabert. Mit der Praxisgebühr, dem Wegfall der Härtefallregelung, der Zuzahlung für Medikamente oder Zahnersatz seien die Gesundheitskosten so sehr gestiegen, dass diese zu einer Benachteiligung von armen Menschen führen, so Trabert und nennt eine Folge: „Tuberkulose nimmt deutlich zu, dies geht immer einher mit einer Verarmung der Gesellschaft."

 

Die Auswirkungen von Armut auf das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden sind enorm. Die Menschen leiden unter mangelhafter Ernährung, Zahnkrankheiten, Erkrankungen der Atmungsorgane, Kopf- und Rückenschmerzen und Depressionen . „Die Lebenserwartung verarmter Menschen sinkt um fünf bis zehn Jahre", nennt Trabert die Fakten und fordert als Konsequenzen: Eine stärkere Berücksichtigung des Themas „Armut und Krankheit", eine Vernetzung von Sozial- und Gesundheitsberichterstattung in den Medien sowie eine Integration des Themas „Armut und Krankheit" in der Forschung. Beispiele wie das Projekt „Arzneimittel für die Schwäbische Tafel" findet Gerhard Trabert wichtig: „Kreativität ist gefragt".

 

Die Azubis der Krankenpflegeschule waren am Ende des Abends vor allem von dem Kurzfilm über das „Arztmobil" von Gerhard Trabert in Mainz beeindruckt. Gezeigt wird, wie der Arzt und eine Kollegin mit einem Großraumauto als rollendes Arztzimmer in der Stadt unterwegs sind und Menschen behandeln, die sich dies sonst nicht leisten könnten. „Viel mehr Politiker müssten sich diesen Film anschauen", meinen die Jugendlichen.

 

Informationen: www.armut-gesundheit.de