04.06.15

Ursachen von Armut bekämpfen

Viel Lob für das Engagement der Vesperkirche gab es heute beim Kirchentag bei der Veranstaltung „20 Jahre – (k)ein Grund zu feiern“. Der Sozialethiker Prof. Franz Segbers mahnte allerdings, verstärkt die politische Frage nach der Ursache von Armut zu stellen. Kirchentagspräsident Andreas Barner nahm die Situation von Flüchtlingen in den Blick. Und Bundes-Diakoniechef Ulrich Lilie erinnerte daran, dass vor allem Kinder von Armut betroffen sind.

Flüchtlinge sind Teil des Armutsthemas - Kirchentagspräsident Prof. Andreas Barner im Gespräch [Foto: Thomas Rathay]

"Ich freue mich, dass die Vesperkirche eine gastfreundliche Kirche ist. Hier treffen sich Menschen, die sich sonst nicht begegnen." Das sagte der Frankfurter Sozialethiker Franz Segbers bei der Veranstaltung "20 Jahre Vesperkirche - (k)ein Grund zum Feiern" heute Nachmittag (4. Juni) in der Stuttgarter Leonhardskirche. Doch bei allem gut gemeinten kirchlichen Engagement für Benachteiligte muss die Kirche sich stärker um die Ursachen von Armut kümmern und politisch einmischen, forderte Segbers. Wer über Armut spreche, müsse auch über Reichtum sprechen, und dass in Deutschland ein Prozent der Gesellschaft die Hälfte des gesamten Privatvermögens besitze. Die Inhaber von Aldi bringen es beispielsweise gemeinsam auf ein Vermögen von 35 Milliarden Euro - "können Sie sich diese Menge vorstellen?" fragte Segbers.

Die Verteilung von Armut und Reichtum in Deutschland sei politisch gewollt. Sie schade allerdings der Demokratie, weil sie Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließt. Reiche Bürger täten sich gerne als Stifter hervor - "aber sie geben Geld, das sie durch nicht gezahlte Steuern und durch zu geringe Löhne verdient haben." Segbers fordert eine konsequente Besteuerung hoher Vermögen, also beispielsweise Vermögenssteuer, höhere Erbschaftssteuer und Körperschaftssteuer.

Kirchentagspräsident Andreas Barner, selbst Vorstand eines großen Pharmaunternehmens, warnte dagegen vor einfachen Antworten. Die differenzierte Erbschaftssteuer sei oftmals überlebenswichtig für mittelständische Familienunternehmen. An einem Punkt allerdings stimmte er mit Segbers überein: "Die immer ungleichere Verteilung des Reichtums in Deutschland darf nicht sein!"

Barner dankte der Vesperkirche "für das Engagement, das ich beeindruckend finde". Die vielen Flüchtlinge, die sich derzeit auf den Weg nach Europa machen, seien ein wichtiger Teil des Armutsthemas. Es sei ermutigend, zu sehen, wie gut die Integration von Flüchtlingen in Stuttgart funktioniere. Barner lobte die württembergische Landeskirche, die ihr Engagement für Flüchtlinge verstärkt hat, beispielsweise durch die Schaffung neuer Diakonen-Stellen in diesem Bereich. Doch auch hier müsse man über die Ursachen der Probleme sprechen. So verhindere die EU durch hohe Importzölle afrikanische Importe und bremse die Wirtschaftskraft südlich des Mittelmeeres.

Ulrich Lilie, Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, zeigte, wie es konkret aussieht, wenn Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. "Da werden Kinder von einer Gemeindefreizeit abgemeldet, weil sie angeblich krank sind. Wenn man nachfragt, merkt man: Es liegt am fehlenden Geld." Kinder seien oft besonders von Armut betroffen. Sie können den Beitrag zum Sportverein nicht zahlen, lernen kein Instrument, obwohl sie musikalisch sind. Lilie: "Die materielle Ausstattung des Elternhauses entscheidet über die Bildungs-Chancen. Das ist unfair!"

Abschließend sagte der Stuttgarter Diakonie-Dekan Klaus Käpplinger: "Zwanzig Jahre Vesperkirche sind kein Grund zum Feiern, weil nach wie vor die Notwendigkeit für dieses Angebot besteht. Gleichzeitig sind zwanzig Jahre Vesperkirche ein Grund zur Dankbarkeit, weil wir damit den Gästen der Vesperkirche zeigen, dass sie und ihr Schicksal nicht vergessen ist." Die Vesperkirche arbeite sehr eng mit anderen diakonischen Einrichtungen zusammen. Sie lebe vom Engagement der Ehrenamtlichen. Die Vesperkirche zeige für sieben Wochen den Gästen ganz praktisch, „dass wir als Kirche und Diakonie wollen, dass Sie dazugehören.“

Die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter nehmen die Erfahrungen aus der Vesperkirche mit in ihren sonstigen Alltag und damit in ihr Engagement als Christen in dieser Gesellschaft. Käpplinger: „Sie nehmen mit, wie schwer es ist aus einer Notlage wieder herauszukommen und wie leicht es ist - selbst aus scheinbar gesicherten Verhältnissen heraus - aus dem sozialen Netz zu fallen.“ Darüber hinaus habe die Vesperkirche die Aufgabe, „wie ein Stachel im Fleisch die Gesellschaft an ihre Verantwortung für alle Menschen zu erinnern. Denn die Qualität eines Gemeinwesens zeigt sich gerade im Umgang mit denen, die auf Hilfe angewiesen sind.“Bewusstsein, wie in deren Diskussion bringt."