03.12.14

Zwanzig Jahre Lichtblick für Menschen im Schatten

„Armut findet in unserer reichen Stadt oft im Verborgenen statt. Die Vesperkirche trägt dazu bei, dass Armut sichtbar wird“. Das sagte Stuttgarts evangelischer Stadtdekan Søren Schwesig heute bei der Vorstellung der Planungen für die 21. Stuttgarter Vesperkirche. Sie beginnt am 18. Januar 2015.

Vesperkirche: Lichtblick für viele [Foto: Gottfried Stoppel]

Die Vesperkirche hebe die Not nicht auf, aber „sie zeigt Menschen in Armut: Hier bin ich willkommen und wertgeschätzt“, so Stadtdekan Schwesig. Um die vielen Menschen – täglich wurden 2014 durchschnittlich 620 warme Mahlzeiten ausgegeben -  willkommen zu heißen, sind Anfang Januar einige Umbauarbeiten nötig. Ein Großteil der Kirchenbänke wird ausgebaut, an ihre Stelle kommen Tische und Stühle, eine Speise- und Getränkebuffet. Die Sakristei wird zur Arztpraxis, die ganze Kirche zum Ort der Begegnung und des gemeinsamen Lebens – Sozialberatung und Gruppen für verschiedene Interessenlagen inklusive. Das Bandprojekt „rahmenlos & frei“ probt für sein Konzert, geplant sind auch wieder eine Schreibwerkstatt, ein Kunstatelier und –das ist neu – eine Gruppe für Leute, die sich auf den bevorstehenden Kirchentag vorbereiten.


Die Vesperkirche gibt es nun seit zwanzig Jahren.1995 wurde sie vom ehemaligen Stuttgarter Diakoniepfarrer Martin Friz gemeinsam mit Diakoninnen, Diakonen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden aus der Taufe gehoben. „Zwanzig Jahre Vesperkirche sind für mich kein Jubiläum. Aber ein Grund zu großer Dankbarkeit“, sagte Stadtdekan Schwesig. Dankbar ist er für die breite Unterstützung, die die Vesperkirche zwanzig Jahre lang getragen hat und bis heute trägt. „Die finanzielle Unterstützung, aber auch die ideelle und die tatkräftige Unterstützung von Ärzten, Kulturschaffenden und hunderten Ehrenamtlichen.“


Auch für die Leiterin der Vesperkirche, Diakoniepfarrerin Karin Ott, sind zwanzig Jahre Vesperkirche kein Grund zum Feiern. Zumal dieses ‚Jubiläum‘ mit einem anderen Jahrestag zusammenfällt: Vor zehn Jahren führte die Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder mit den sogenannten „Hartz-Gesetzen“ die Arbeitsmarktreformen ein. Zehn Jahre später leben ganze Familien in äußerst schwierigen Verhältnissen, berichtet Karin Ott. Kleider und Möbel seien abgenutzt, defekte Geräte führen zu hohen Stromrechnungen. „Eine Mutter ruft mich verzweifelt an: Der Geldbeutel ist leer, der Kühlschrank ist leer, aber die Windel des Kleinkindes ist voll“, berichtet Ott von einer ihrer alltäglichen Begegnungen. Das Jobcenter, das für die Unterstützung für gering Beschäftigte zuständig ist, hat wegen fehlender Unterlagen auch Monate nach Geburt des Säuglings dessen Existenz noch nicht anerkannt und überweist monatlich 260 Euro zu wenig. Geld, das dringend fehlt. Viele zermürbende Behördengänge sind die Folge. „Ein Mann, Vater von zwei Kindern, sagt mir: Ich bin so müde. Was habe ich mit Mitte vierzig noch für eine Perspektive? Was kann ich meinen Kindern bieten?“

In Stuttgart leben derzeit rund 39.000 Bezieher von Arbeitslosengeld II – „Hartz 4“ eben. Darunter 11.000 Kinder. Das sind gleich viele wie vor zehn Jahren. Die Diakoniepfarrerin beobachtet: „Der schmale Geldbeutel ist das eine. Doch die Bedingungen von ‚Hartz 4‘ hinterlassen Verwundungen in der Seele und viel Bitterkeit.“ Und „genau für solche Menschen eröffnen wir am 18. Januar wieder die Vesperkirche“. Neben der praktischen Hilfe und Entlastung wolle die Vesperkirche „ein Platz sein, wo man wertgeschätzt wird und ein Stück weit aus der Tretmühle raus kommt“, so Ott.


Auch in diesem Jahr hat die Vesperkirche neben warmen Mahlzeiten, Getränken und Vesperbeuteln Beratung und Seelsorge, medizinische und zahnärztliche Ambulanz im Programm. Es gibt auch wieder eine Fahrradwerkstatt – nur die Frisöre pausieren 2015.


Eine Besonderheit ist der bevorstehende Kirchentag. Er macht sich in der und um die Vesperkirche mehrfach bemerkbar. So hält die Kirchentags-Generalsekretärin Dr. Ellen Ueberschär die Predigt im Eröffnungsgottesdienst der Vesperkirche. Und Vesperkirchengäste werden ermutigt, selbst aktiv am Kirchentag teilzunehmen und sich darauf vorzubereiten.

 

Für das Vesperkirchen-Kulturprogramm hat Konzertmanager Ralf Püpcke sieben hochkarätige Konzerte organisiert. Den Auftakt macht die Stuttgarter a-cappella-Gruppe „Füenf“. Am 15. Februar kommen der Akademische Chor und Orchester der Universität Stuttgart, am 22. Februar musiziert die Vesperkirchenband „rahmenlos & frei“. Die Konzerte beginnen um 16 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.


À propos Spenden: Die Vesperkirche finanziert sich aus Spenden, eine Saison kostet rund 260.000 Euro. Wenn allerdings bei Straßensammlungen für die Vesperkirche gesammelt wird, handelt es sich um Betrug. Die Vesperkirche unternimmt keine Spendensammlung auf der Straße!


In den sieben Vesperkirchenwochen bis 7.März werden rund 730 Personen ehrenamtlich mitarbeiten. Sie sind zwischen 16 und über 80 Jahren alt. Zum Hauptamtlichen-Team gehören zehn Diakoninnen und Diakone. „Viele Mitarbeitende sagen mir: Die Arbeit hier verändert mich“, berichtet Karin Ott. Über diese Multiplikatoren wirkt die Vesperkirche weit über die eigentlichen sieben Vesperkirchenwochen hinaus, ist die Diakoniepfarrerin überzeugt.