03.03.15

Vesperkirche: Es war wieder genug für alle da

Stuttgart. Am kommenden Samstag (7. März) endet die Stuttgarter Vesperkirche 2015 mit einem Gottesdienst. Der Gottesdienst beginnt um 16 Uhr. Diakoniepfarrerin Karin Ott ist überzeugt, dass die 800 freiwillig Mitarbeitenden verändert aus der Vesperkirche gehen. Und Diakonie-Dekan Käpplinger sagt: Wenn die Kirche sich für mehr Gerechtigkeit einsetzt, muss sie „dicke Bretter bohren“.

Begegnungen, die verändern: zwei von 800 Ehrenamtlichen der Vesperkirche [Foto: Thomas Rathay]

Durchschnittlich wurden 2015 pro Tag rund 570 warme Mahlzeiten ausgegeben – etwas weniger als im Vorjahr. Darüber hinaus gab es medizinische Betreuung, Seelsorge und Beratung, „Kultur in der Vesperkirche“, eine Fahrradwerkstatt und Kreativangebote. Neu waren die wohltuenden Angebote eines Fußpflegers und eines Physiotherapeuten.

„Dass die Vesperkirche seit zwanzig Jahren hunderte Mitarbeitende und eine große Welle der Unterstützung hinter sich versammelt, das ist für uns ein Grund zu großer Dankbarkeit“, sagt Diakoniepfarrerin Karin Ott. Dass aber im reichen Stuttgart die Zahl der Menschen, die dauerhaft vom boomenden Arbeitsmarkt abgehängt und auf Unterstützung angewiesen sind, auf hohem Niveau stagniert, sei eine große Anfrage an die Gesellschaft. Für Arme sei es in Stuttgart sehr schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Auch seien sie oft von gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe ausgeschlossen. „Dass wir uns in einem der reichsten Länder der Welt trotz kraftstrotzender Wirtschaft noch immer mit solchen Fragen auseinandersetzen müssen, ist beschämend!“, sagt Diakoniepfarrerin Ott.

„Wir machen Vesperkirche in der festen Überzeugung: Es ist in dieser Welt genug für alle da!"

Die Vesperkirche gebe vielen Gästen für sieben Wochen eine Tagesstruktur. „Ich muss jeden Tag damit kämpfen, dass ich aufstehe, dass ich nach draußen gehe und die Hoffnung nicht verliere“, habe ein älterer Gast der Diakoniepfarrerin erzählt. Während der Vesperkirche sei das anders: „Da weiß ich, wohin ich gehe.“ Für Ott eine Bestätigung: Es geht in der Vesperkirche um viel mehr als nur um Essen und Trinken. Es geht um Begegnung, Austausch und öffentliche Wertschätzung. „Wir machen Vesperkirche in der festen Überzeugung: Es ist in dieser Welt genug für alle da. Wir müssen nur anfangen zu teilen“, so Ott. Die Vesperkirche sei „ein Protest gegen eine Welt, die so gestrickt ist, dass Menschen in Flucht, Not und Elend leben müssen.“

Käpplinger: Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, muss dicke Bretter bohren!

Die über 800 freiwillig Mitarbeitenden der Vesperkirche seien dagegen ein Hoffnungszeichen. „Wenn sie alle aus der Vesperkirche verändert herausgehen und etwas von der Erfahrung, die sie hier machen, in ihren Alltag tragen, dann verändert sich die Welt, davon bin ich überzeugt.“

Von großer Bedeutung seien auch die vielen Gespräche mit Politikerinnen und Politikern in der Vesperkirche. Manche haben sogar mitgearbeitet, etwa der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir. „Mit ihm habe ich über das Problem gesprochen, dass viele Transferleistungen für Arme aus verschiedenen Kassen und mit ganz unterschiedlichen Modalitäten bezahlt werden. Hier braucht es dringend einheitliche Regelungen, damit bedürftige Menschen Rechtssicherheit bekommen. Und diese Regelungen müssen auf Bundesebene geschaffen werden“, berichtet Karin Ott. Und Klaus Käpplinger, Diakonie-Dekan des Kirchenkreises, ergänzt: „Wenn wir uns in der Politik für bessere Regelungen und mehr Gerechtigkeit einsetzen, dann müssen wir dicke Bretter bohren und Themen langfristig auf die Agenda setzen.“ Ein solches Thema sei in Stuttgart der bezahlbare Wohnraum. Der soziale Wohnungsbau sei fast vollständig heruntergefahren, „es wird Jahre dauern, ihn wieder voranzubringen.“ OB Fritz Kuhn sei gut beraten, bei der Arbeitsgruppe, die er zum sozialen Wohnungsbau gebildet habe, nicht nur Vertreter der Bauträger zu versammeln, sondern auch Vertreter aus der Sozialwirtschaft.

Für Käpplinger bedeutet Vesperkirche „sieben Wochen ohne Wegschauen – hier sehen wir der Armut ins Gesicht.“ In der Vesperkirche würden die Gäste „angenommen, wie das Leben sie gemacht hat.“ Viele seien geprägt vom „Kreislauf der Armut“: Job weg, Überschuldung, Verlust der Wohnung, schlechte medizinische Versorgung und keine Teilhabe mehr am kulturellen und gesellschaftlichen Leben: schnell führe hier eines zum andern.

Die nächste Stuttgarter Vesperkirche startet am 17. Januar 2016. Doch auch im Sommer lässt die Vesperkirche von sich hören. Im Rahmen des Evangelischen Kirchentages von 3. bis 7. Juni wird die Vesperkirche im Rahmen einer Veranstaltung in der Leonhardskirche vorgestellt und diskutiert, sie beteiligt sich am Abend der Begegnung und bei einer „Diakonie-Streetparade“, und die Vesperkirchenband „rahmenlos & frei“ tritt mehrmals Kirchentag auf.

Ein Hinweis in eigener Sache: Die Stuttgarter Vesperkirche finanziert sich aus Spenden. Jährlich werden rund 260.000 Euro benötigt. Immer wieder gibt es allerdings betrügerische Straßensammlungen, angeblich für die Vesperkirche. Doch die Vesperkirche sammelt zu keinem Zeitpunkt auf der Straße.