03.01.09

"Glaube ist eine öffentliche Angelegenheit"

Karin Ott ist neue Diakoniepfarrerin in Stuttgart. Am Sonntag (18. Januar) beginnt ihre erste Vesperkirche.

Brücken schlagen zwischen Diakonie und Gemeindeleben: Karin Ott

Was prägt einen Menschen? Andere Menschen, nicht zuletzt die Familie, die Gesellschaft, der Zeitgeist. Bei Karin Ott ist es zuallererst die Großmutter gewesen. "Sie war eine klassische schwäbische Pietistin mit einem weiten Herzen", erinnert sich die neue Diakoniepfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises. Zu diesem frommen Leben gehörten biblische Geschichten und am Sonntag die Kinderkirche. Und der eherne Grundsatz: "Der Glaube muss im praktischen Handeln Folgen haben", sagt die heute 46 Jahre alte Pfarrerin, die in Marbach geboren und in Vaihingen/Enz aufgewachsen ist.

 

Diese Einstellung ist Karin Ott geblieben, wenn auch unter neuen Vorzeichen. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre hat sie in Tübingen und Hamburg Theologie studiert, es war die Zeit der Nord-Süd-Debatten, der Dritte-Welt-Gruppen, der Umweltbewegung und der Anti-Atom-Proteste, als in den Kirchen die Frage nach der Schöpfung neu und ausgesprochen politisch gestellt wurde. Heute wie damals findet Karin Ott: "Glaube ist keine Privatsache, Glaube ist eine öffentliche Angelegenheit." Bis heute stellt sich für die Diakoniepfarrerin immer wieder die Frage: "Was gebietet mir mein Glaube? Was sagt die Kirche zum Leben?"

 

Wie holt man jene, die abseits stehen, zurück in die Gemeinschaft?

Die Theologin hat darauf schon verschiedene Antworten gefunden, die doch um ein Zentrum kreisen: Wie holt man jene, die abseits stehen, zurück in die Gemeinschaft? Während ihres Studiums engagierte sich Karin Ott in der Südafrikaarbeit, kämpfte gegen die Rassentrennung. Nach dem ersten Examen, ein Stipendium des Ökumenischen Rates der Kirchen in der Tasche, macht sie sich auf ans Kap der guten Hoffnung. Ein Jahr lang arbeitet sie mit Straßenkindern und stellte fest: "Auch dort ist Armut auf mangelnde Bildung zurückzuführen." An diese Zeit denkt sie gerne zurück, an die Tage als weiße Europäerin in einem fremden schwarzafrikanischen Land.

 

"Man muss der über den Tellerrand hinausschauen"

Ihre Südafrikaerfahrung bringt sie danach ein bei der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst der evangelischen Kirche, sechs Jahre lang, bis es die Pfarrerin zurück an die Basis zieht. "Ich wollte weg von der reinen Schreibtischarbeit." In Herrenberg gehört die Gemeindediakonie zu ihren Schwerpunkten, neben Gottesdienst und Seelsorge hält die Theologin Unterricht an einer Schule für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen. 2002 nimmt Karin Ott ein Angebot aus Tübingen an, wird Referentin der Dekanin dort, ist beteiligt an der strategischen Leitung des Kirchenbezirks. "Man muss immer mal wieder über den Tellerrand hinausschauen", so ihr Motto.

 

Brücken schlagen

 

Das hat sie jetzt nach Stuttgart geführt. Hier wartet keine leicht Aufgabe: Es gilt, die Diakonie stärker mit dem Leben der Gemeinden zu verknüpfen. "Früher gab es die Gemeindeschwester", sagt die Pfarrerin. An ihre Stelle seien professionelle, unter hohem Kostendruck arbeitende Diakoniestationen getreten. Zwischen den Parallelwelten Kirchengemeinde und diakonischem Sozialdienst will Karin Ott "Brücken schlagen". Erreichen will sie dies durch die Förderung von "diakonischen Dienstgruppen", die es vereinzelt schon gibt. Ehrenamtliche sollen, angelehnt an die Diakoniestationen, jene Aufgaben, die die professionellen Helfer nicht leisten können: alte, kranke und einsame Menschen besuchen, mit ihnen reden, ihnen vorlesen, sie zum Amt begleiten oder Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Die Gemeinden stehen vor einer großen Herausforderung, glaubt die Diakoniepfarrerin. "Die Politik alleine kann es nicht mehr richten."

 

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung