02.03.12

Vesperkirche 2012: beispielhaftes Miteinander

Am 3. März wird die Stuttgarter Vesperkirche für dieses Jahr zum letzten Mal in der Leonhardskirche ihre Pforten öffnen. „Es soll keine Armut unter euch geben denn es ist genug für alle da“, lautet das Motto. Und wieder hat es für alle gereicht, wieder wurden in den vergangenen sieben Wochen mehr Essen ausgegeben als im vorangegangenen Jahr.

Entspanntes Miteinander an den Tischen der Vesperkirche / Foto: Gottfried Stoppel

30 000 Essen sind eine stattliche Zahl. Eine Zahl, die noch viel stattlicher wird, wenn man das tut, was Diakoniepfarrerin Karin Ott dieses Mal getan hat. Sie hat umgerechnet, wie lange eine vierköpfige Familie von jenen 30 000 Essen leben könnte, die 2012 in der Vesperkirche ausgegeben wurden. „Solch eine Familie bräuchte 19 Jahre, bis sie diese Menge verbraucht hätte“, erklärt sie zum Abschluss der Vesperkirche.


20 000 Liter Kaffee, 12 000 Liter Tee und 9 000 Liter Mineralwasser schenkten die ehrenamtlichen Helfer in diesem Jahr an die Gäste aus, 25 000 Scheiben Brot wurden mit 1 300 Kilogramm Käse und 1 200 Kilogramm Wurst belegt. Dank der Spendenfreudigkeit von Firmen und Einzelpersonen konnte dieses Jahr an beinahe jedem Tag den Besuchern noch Obst und ein Stück Kuchen mit auf den Weg gegeben werden. 250 000 Euro waren nötig, um die Kirchentüren sieben Wochen lang von morgens um neun Uhr an bis nachmittags um 16 Uhr für jedermann offen zu halten und dafür zu sorgen, dass jeder Besucher gestärkt mit einer warmen Mahlzeit, einem Vesperbrotbeutel und vielleicht dem ein oder anderen guten Wort wieder nach Hause oder auf die Straße zurückkehren konnte. Das Geld setzt sich allein aus Spenden zusammen, und es tat große Wirkung. „Wir konnten jeden Tag die Tische reichlich decken“, freut sich Karin Ott.


Schüler backten 500 Müsliriegel - viele weitere Unterstützungsaktionen

 

Zahllose besondere, teilweise anrührende Geschichten stecken in den vergangenen Wochen. Wieder einmal haben manche Helfer eine beeindruckende Kreativität bewiesen, um einen solidarischen Beitrag zu leisten. Schüler der Bodelschwinghschule backten 500 Müsliriegel und kamen damit in die Leonhardskirche, um vor Ort ihr Gebäck an die Gäste zu verteilen. Zwei Freundinnen feierten ihre Geburtstage, indem sie mit ihren Freunden Kuchen für die Vesperkirche backten.

 

Auch in den Gästen steckt eine ganze Menge Potenzial. Einer der Besucher entpuppte sich als Kunsthistoriker, der angebotene Ausflug in die Staatsgalerie mit 20 Leuten war im Nu ausgebucht.


Viele der Vesperkirchengäste lebten einst in ganz geordneten Verhältnissen, hatten Familie und Beruf. Ihre Biografie lässt erahnen, dass es jeden treffen kann, dass niemand vor dem Absturz gefeit ist. „Dann gab es durch Krankheit, Scheidung oder Kündigung einen Bruch, und es ging bergab“, erzählt Karin Ott. Da ist der Handwerker, der durch einen Unfall  berufsunfähig wurde, der Selbständige, der den Bankrott seines  Betriebes erleben musste. Umso wertvoller ist es für die Besucher, dass sie hier eine Gemeinschaft erfahren können, in der sie selbstverständlich aufgenommen werden, ohne sich als arm zu erkennen geben zu müssen.


In diesem Jahr war die Not in jenen Tagen, als es so besonders kalt war, auch besonders groß. Das spürte auch das Vesperkirchenteam. „Manch ein Gast, von dem wir nicht ahnten, dass er obdachlos ist, bat uns, ihm eine Notunterkunft zu vermitteln“, erzählt die Diakoniepfarrerin.


Das Vesperkirchenpublikum ist so bunt wie die Schicksale, die dahinter stehen

 

Das Vesperkirchenpublikum ist so bunt wie die Schicksale, die dahinter stehen. Junge Drogenabhängige sitzen gemeinsam mit einsamen Senioren an einem Tisch, und multikulturell ist es sowieso. Doch trotz dieser unterschiedlichen Besetzung und den teils brüchigen Biographien blieb die Stimmung auch in diesem Jahr wieder harmonisch. Unter dem Kirchendach entstand so manches Mal fast so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Auf alle Fälle wurde für jeden, für den Obdachlosen oder die Schülerin, für die einsame Seniorin, den Drogenabhängigen oder den Diakon, eine Begegnung auf Augenhöhe möglich.

 

„Trotz vieler Nationen, Konfessionen und Generationen war es wieder eine ausgesprochen friedliche Vesperkirche“, freut sich Karin Ott.  „An diesem guten und toleranten Miteinander könnte sich die große Politik durchaus ein Beispiel nehmen“, fügt sie an. Tauchten Konflikte auf, griffen häufig andere Gäste helfend ein und schlichteten. So ist es in all den Jahren noch niemals notwendig gewesen, jemanden tatsächlich des Platzes verweisen zu lassen. Bei vielen Gästen spüren sie und ihr Helferteam eine große Dankbarkeit, manche Besucher bedanken sich beim Abschied am Nachmittag noch einmal ausdrücklich bei den Helfern.


Elf Hauptamtliche arbeiteten in den vergangenen Wochen im Schichtbetrieb und hießen ihre verschiedenartigen Gäste gleichermaßen willkommen. Sie waren Ansprechpartner für Sorgen und Nöte, vermittelten an andere Hilfsdienste und Beratungsstellen, organisierten Notunterkünfte oder Fahrkarten, um die entfernt lebende Familie besuchen zu können. Sie und die 602 ehrenamtlichen Helferinnen und 213 Schüler und Azubis sorgten dafür, dass die Besucher wenigstens unter dem Dach der Leonhardskirche ihre Würde als Mensch bewahren konnten. Sämtliche Angebote, vom Friseur über die Ärzte, von der Fahrradwerkstatt über das  Kulturprogramm bis zum Gottesdienst wurden wieder sehr gut  angenommen. Am Samstag nun wird man sich ein letztes Mal miteinander an die reichlich gedeckten Tische setzen. Dann wird der letzte Vesperkirchentag mit einem gemeinsamen Gottesdienst ausklingen.

 

Weitere Informationen zur Vesperkirche gibt es unter www.vesperkirche.de. Für Spenden gibt es das Spendenkonto der Vesperkirche: Baden-Württembergische Bank, Spendenkonto 2 464 833, Bankleitzahl 600 501 01