02.03.12

Diakoniepfarrerin Ott: Aufschwung zieht an Ärmsten vorbei

Diakoniepfarrerin Karin Ott verzeichnet zum Ende der Vesperkirchensaison eine weiterhin wachsende Armut.

Nach sieben Wochen geht am 3. März die 18. Stuttgarter Vesperkirche zu Ende. Diakoniepfarrerin Karin Ott zieht eine zwiespältige Bilanz. Auf der einen Seite seien die stattlichen Zahlen ein Grund zur Freude. Auf der anderen Seite gäbe der Erfolg der Vesperkirche Anlass, mit Unmut auf gesellschaftliche Entwicklungen hinzuweisen: „Es ist genug für alle da, das ist unsere Überzeugung seit Beginn der Vesperkirche 1995“, erklärt sie im Rahmen der Abschlusspressekonferenz.  


Auch in diesem Jahr habe man die Tische wieder reichlich decken können. 30 000 Essen, 1 000 mehr als im vergangenen Jahr, wurden in der Zeit zwischen 15. Januar und 3. März ausgegeben. Die großen Zahlen zeigen, dass der Bedarf  auch dieses Jahr wieder gestiegen ist. „An einer ganzen Anzahl Menschen rauscht der Aufschwung einfach vorbei. Das Wirtschaftswachstum kommt bei unserem Vesperkirchenpublikum nicht an“, bilanziert Karin Ott.


Neben den vertrauten Gesichtern haben die Helfer in diesem Jahr eine auffallende Menge neuer Gäste  wahrgenommen. Etliche Besucher, so Karin Ott, hätten es die vergangenen Jahre noch irgendwie so geschafft, über die Runden zu kommen. Dieses Jahr aber sei es dann nicht mehr gegangen, sie hätten Hilfe annehmen müssen. Sowohl jüngere als auch ältere Besucher zählen zum Stammpublikum.


Während Wirtschaftswachstum sich bei Menschen in der Vesperkirche  nicht niederschlägt, ist die Altersarmut dort bereits voll und ganz angekommen, sie sei schon zur Normalität geworden. „Es kommen mehr ältere Frauen zu uns. Sie beziehen eine Rente, von der sie nicht leben können, obwohl sie doch, wie sie sagen, ein Leben lang gearbeitet haben“, erklärt Karin Ott. Damit tun sich für die Vesperkirche ganz neue Themen und gesellschaftliche Fragestellungen auf. Karin Ott nennt hier stellvertretend den Bedarf an behindertengerechten Sozialwohnungen, nah am Wohnort, damit die Menschen in ihrem dringend notwendigen gewohnten sozialen Umfeld bleiben können. „Hier haben wir den Eindruck, dass da noch was auf uns zukommt“, fügt sie an.


Die Vesperkirchenbilanz 2012 der Diakoniepfarrerin lässt keine Erfolgsgeschichte zu, und so sind es denn deutliche Worte, die Karin Ott an das Ende ihres Resümees stellt: „Hartz IV ist kein Weg aus der Armut. Die Menschen sind darin gefangen und bleiben es. Das lässt uns zutiefst unzufrieden sein. Hier brauchen wir ganz neue Ansätze, um neue Wege aus der Armut zu entwickeln.“


Vorläufig wird Vesperkirche weiterhin für viele Menschen ein wichtiges Angebot sein, um größte Not zu lindern und einander außerhalb der eigenen Armut würdig auf  Augenhöhe begegnen zu können. Vom 13. Januar bis zum 2. März im kommenden Jahr 2013 wird die Vesperkirche also erneut ihre Türen öffnen.

 

Weitere Informationen zur Vesperkirche gibt es unter www.vesperkirche.de. Für Spenden gibt es das Spendenkonto der Vesperkirche: Baden-Württembergische Bank, Spendenkonto 2 464 833, Bankleitzahl 600 501 01