01.03.10

Kirche als „Anwalt“ der Armen

„Die Stuttgarter Vesperkirche gehört zum Gesicht der Evangelischen Kirche in Stuttgart“, sagte Dekanin Wiebke Wähling heute (1. März) vor Vertretern der Presse.

Gastfreundschaft wird in der Vesperkirche groß geschrieben / Foto: www.thomas-rathay.de

Allerdings sind 15 Jahre Vesperkirche für die Diakonie-Dekanin des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Wähling: „Es ist ein Skandal, dass sich unsere Gesellschaft und auch die Kirche an soziale Ungleichheit gewöhnt haben! Viele Leute denken: ‚Für unsere Armen ist doch gesorgt. Es gibt doch die Vesperkirche und die Tafelläden.“

 

Von der Leitung der Landeskirche erwartet die Dekanin ein engagiertes Eintreten für Arme: „Ich vermisse die anwaltliche Funktion unserer Kirchenleitung. Wo werden beispielsweise solche skandalösen Äußerungen von Spitzenpolitikern zu Hartz-IV-Empfängern, wie wir sie in den letzten Wochen hören mussten, mal deutlich kritisiert? Wir leben doch in einer Zeit, in der das Gleichgewicht zwischen reich und arm aus den Fugen gerät.“

Zu Bundesaußenminister Guido Westerwelles Pauschalkritik gegenüber Hartz IV-Beziehern sagte die Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche, Diakoniepfarrerin Karin Ott: „Da zeigt sich eine erschreckende Wirklichkeitsferne. Es ist haarsträubend, so zu tun, als würden sich Menschen, die von 359 Euro im Monat leben müssen, luxuriös in Hartz IV einrichten.“ Aus vielen Gesprächen weiß die Diakoniepfarrerin: „Die überwiegende Mehrheit würde gerne arbeiten – nicht nur wegen des Geldes. Arbeit bedeutet doch auch Anerkennung und Wertschätzung. Aber sie finden keine Arbeit.“

Für Ott ist die Vesperkirche der „Versuch, ein Zeichen zu setzen. Dass nämlich die Würde des Menschen unantastbar ist - unabhängig davon, was einer hat oder kann. In den sieben Wochen sitzen Arme und Reiche beim Essen zusammen oder kommen bei einer Tasse Kaffe ins Gespräch.“ Das sei „ein Stück gelebtes Evangelium“.

Im fünften Jahr Hartz IV sind die Rücklagen aufgebraucht

Existenzielle Notlagen haben deutlich zugenommen, berichtet Ott. Im fünften Jahr von Hartz IV seien die Rücklagen vieler Menschen aufgebraucht. Da werde schon ein Kinderfahrrad zum unerschwinglichen Luxusgut. Als Dauerbrenner bezeichnete sie die für arme Menschen „exorbitanten Kosten für öffentliche Verkehrsmittel“ sowie Praxisgebühren und Zuzahlungen für Medikamente. Bei vielen Vesperkirchengästen zeige sich „schonungslos, dass man mit der derzeit praktizierten Sozialpolitik in kurzer Zeit abstürzen kann“ – und dies oft trotz Schulabschluss und Berufsausbildung.

Über das neue Frisörangebot ist Karin Ott „unendlich froh und dankbar. Mich faszinieren die leuchtenden Augen vieler Gäste nach dem Frisörbesuch! Sie gewinnen dadurch Selbstbewusstsein.“ Auch die neue Band aus Profimusikern und Gästen trage zu einem neuen Selbstvertrauen vieler Gäste bei – nach dem Motto: „nicht nur nehmen, sondern auch etwas von den eigenen Begabungen geben“.

Große Unterstützung: 240.000 Euro Spenden

Nach Angaben des leitenden Diakons der Vesperkirche, Wolfgang Nebel, kommen täglich 700 bis 800 Gäste in die Vesperkirche. Küchenchef Dieter Grabowski werde in den sieben Wochen 33 Tonnen Lebensmittel verarbeiten. Darüber hinaus werden rund 24.000 Vesperbeutel gratis ausgegeben. Über 500 Ehrenamtliche engagieren sich insgesamt 9.310 Stunden für die Vesperkirche, wie Diakon Nebel errechnet hat. Täglich arbeite ein Arzt ehrenamtlich in der Ambulanz der Vesperkirche, und die drei Frisöre von Lehmann und Hauser haben 300 Menschen die Haare geschnitten. Die rund 240.000 Euro Kosten der Vesperkirche werden durch Spenden finanziert. Darüber hinaus bilden 14 Diakone und Sozialarbeiter das Hauptamtlichen-Team der Vesperkirche.

In insgesamt 25 Vesperkirchen in Baden-Württemberg werden im Winter 2009/2010 rund 170.000 Essensportionen ausgegeben. Neue dabei sind Vesperkirchen in Heidenheim, Ludwigsburg, Mutlangen, Pfullendorf und Tübingen. Die 17.Stuttgarter Vesperkirche öffnet am 16. Januar 2011. Sie wird wieder sieben Wochen lang sein.http://www.vesperkirche.de