01.02.16

Schlager mit Mehrwert

Die Zeitreise begann vielversprechend: „Wochenend und Sonnenschein und dann mit dir im Wald allein“, trällerten die vier Damen von „Dein Theater“ in der Vesperkirche. Draußen ein regenverhangener Sonntagnachmittag, drinnen in der Leonhardskirche Kino für Kopf und Herz.

"Dein Theater" in der Vesperkirche [Foto: Monika Johna]

Mit „50 Jahr blondes Haar“ traten im Rahmen der Reihe „Kultur in der Vesperkirche“ vier Gesangskünstlerinnen von „Dein Theater“ auf und nahmen ihr Publikum mit auf eine Reise durch 50 Jahre Geschichte der Bundesrepublik. Charmant sang das Quartett von den Beinen der Dolores, jodelte auf dem Weg in die Schweiz, als sich die halbe Bundesrepublik in der Nachkriegszeit auf organisierte Pauschalreise begab und packte die Badehose ein. Bei den 60ern angekommen, stieg man in das Traumboot der Liebe, wollte einen Cowboy als Mann und rockte mit „Sugar-sugar-baby“. Die deutsch-französische Freundschaft besangen die Damen mit „Wir wollen niemals auseinandergeh’n“. Über sieben Brücken und die leichte Muse kam man über die Wolken. Die Mischung stimmte: zwar gaben die Schlager ausreichend Gelegenheit zum Schwelgen. Zum Schluss sangen dann sogar Künstlerinnen und Publikum gemeinsam. Doch die Damen hatten sich gut gegen allzu viel schnulzige Süße und Klebrigkeit gewappnet. Immer mit einem Augenzwinkern, immer kurz vor der Parodie, musizierte das temperamentvolle Quartett mit dem richtigen Fingerspitzengefühl und setzte mit kritisch-süffisanten Bemerkungen zum Zeitgeschehen ganz eigene Akzente. So konnte man sich ganz leicht hineinbegeben in diese Melodien und Texte, die so viele kennen und mit denen so viele etwas verbinden. Nach einem Blick auf Tschernobyl, Loveparades, Turnschuhen, Solingen und Fukushima dann das Fazit: „Der Schlager kennt keinen Fortschritt, sehnt sich nach dem Evergreen und träumt von der Wiederauferstehung“, stellten die Künstlerinnen fest. Das Publikum in der Vesperkirche war begeistert und ließ sich gerne noch zwei Zugaben schenken. Mit den weißen Rosen aus Athen und einer ganzen Menge an Bildern im Kopf und Melodien im Ohr sagte man sich schließlich „Auf Wiederseh’n!“