28.02.09

Segen zum Abschied

Der innigste Moment kam zum Schluss: Gäste, Mitarbeiter, Gottesdienstbesucher – alle standen in einem weiten Kreis zwischen Altar und Kirchentür, gaben das Vesperkirchenlicht weiter, indem sie die Kerzen ihrer Nachbarn mit ihrer Kerze entflammten.

Nach wenigen Minuten war die Leonhardskirche erfüllt vom Funkeln hunderter Kerzen. „Gott segne Sie, dass wir uns behütet wieder sehen am 17. Januar 2010“, sagte Diakoniepfarrerin Karin Ott zum Abschluss der 15. Stuttgarter Vesperkirche.

 

In Ihrer Predigt rief die Dekanin für Diakonie im Evangelischen Kirchenkreis Stuttgart, Wiebke Wähling (Zuffenhausen) zu solidarischem Handeln auf: „Wo wir tun, was Jesus sagt, da verändert sich was in unserem Leben und in unserer Stadt.“ Für Christenmenschen sei es wichtig, „dass nicht alles so bleibt, wie es ist.“ Christen könnten beispielsweise nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen, „dass in unserer reichen Stadt 14.000 Kinder von Hartz IV leben!“ Spontanen Applaus erntete die Predigerin, als sie sagte: „Die Wohlhabenden müssen in die Verantwortung genommen werden!“

 

„Wir haben unsere Zeit miteinander gestaltet, Tischgemeinschaften sind entstanden, es gab ernste Gespräche und Gelächter, wir haben uns gefreut an den Konzerten, wir waren füreinander da und haben füreinander gesorgt“, fasste Diakoniepfarrerin Karin Ott die Erfahrung der vergangenen sechs Vesperkirchenwochen zusammen.

 

Das Blechbläserensemble „Brasserie“ gab der zwischen Abschiedsschmerz und Feierlichkeit gespaltenen Stimmung des Gottesdienstes den passenden Ausdruck mit traurigen Blues- und vergnügten Dixieland-Klängen.

 

Nach dem Gottesdienst dann zahllose Handschläge, Verabschiedungen, Verabredungen. Manche weinen. Die Vesperkirche hat ihnen gut getan, war wie eine Oase im Überlebenskampf.

 

Vesperkirchengast Rainer Jüngling lieferte seinen ganz persönlichen Beitrag zum Tag. Er hielt der Gottesdienstgemeinde ein Pappschild entgegen, darauf stand kurz und knapp: „Wir danken!“