22.02.09

Wo ist der Briefkasten?

Wir lauschen dem Kulturprogramm in der Vesperkirche. Doch mitten zwischen Gesang und Applaus kommt ein Mann von draußen herein und direkt auf uns zu...

Er drückt meinem Bekannten mit einem undeutlichen „Hier!“ ein Bündel Briefe in die Hand und wendet sich schon wieder zum Gehen. Der gesamte Packen gelber Zettel, weißer Blätter und zerknitterter Briefumschläge verstreut sich dabei auf dem Boden. Wir sammeln alles gemeinsam auf und drücken es dem Mann freundlich aber bestimmt wieder in die Hand. Er verharrt kurz, sieht verdutzte Gesichter und verschwindet so urplötzlich wie er gekommen ist um die Ecke.

 

Waren es Stromrechnungen und Mahnungen? War die Post falsch adressiert, war er verwirrt? Oder wollte er seine Briefe einfach loswerden oder um Erledigung bitten? Das verstände ich sehr gut. Wie gerne würde ich selbst manchmal meine unliebsame Post jemandem anders in die Hand drücken und einfach sagen: Mach du das mal bitte.

 

Während dieser Geste und obwohl ich nicht weiß, ob dieser Mann ein Heim hat oder nicht, stellte sich mir folgende Frage: An welche Adresse schreibt man eigentlich Wohnsitzlosen einen Brief? In Rom, weiß ich inzwischen, gibt es seit 2004 eine virtuelle Straße als Sammelanschrift für Menschen ohne festen Wohnsitz. Müsste man nur noch wissen, wie man den Briefkasten einer virtuellen Adresse findet…