31.01.08

Eine Kirche für Gesunde und Kranke

„Finden Sie es witzig in der Vesperkirche?“ fragt mich die Frau, die mir gegenüber sitzt. Witzig? Nein, das ist nicht der passende Ausdruck. „Nee, witzig finde ich es nicht. Und Sie?“ „Ich finde es faszinierend.“ „Was meinen Sie damit?“ „Wissen Sie nicht, was ich damit meine?“

Sie ist echt hübsch, denke ich. Vermutlich in den 30ern. Hat rote Haare, Sommersprossen, ein schönes Gesicht. Ihr fehlen aber viele Zähne, und die, die sie hat, sind leicht bräunlich verfärbt. Sie sieht sehr traurig aus. Fast frage ich sie, ob sie traurig ist. Da sagt sie: „Es geht mir nicht so gut. Ich wurde gerade sehr verletzt.“ Sie möchte von mir wissen, ob ich auch manchmal verletzt werde. Sie erzählt, dass aus einer verletzenden Bemerkung ein lauter Streit geworden ist, und dass sie Streit hasst, und dass sie sich gar nicht streiten will, und ihre Grenzen eigentlich anders verteidigen möchte, „subtiler“, wie sie sagt. „Aber das können nur gesunde Menschen“, sagt sie dann. Hier in der Vesperkirche seien nicht viele gesunde Menschen. Was es für sie bedeutet, gesund zu sein, möchte ich wissen. „Dass man normal arbeiten gehen kann“, sagt sie. Und inneren Frieden haben, und mit dem Leben zurechtkommen. Sie selbst sei nicht gesund. „Ich bin psychisch krank“ erzählt sie. Sie fragt mich nach meinem Glauben, und erzählt mir von ihrem. Nein, eine feste Gemeinde habe sie nicht, denn oftmals hätte sie das Gefühl, man müsse in der Kirche schon ok sein, in Ordnung, mit seinen Problemen abgeschlossen haben. Ihr käme es so vor als hätten die Menschen in der Kirche ihr Leben im Griff – als sei dort kein Platz für Menschen wie sie. Zumindest nicht in der „normalen“ Kirche – die Vesperkirche ist Ausnahmezustand.

 

Ich denke: Wie traurig! Wenn nicht in der Kirche die Menschen sich angenommen fühlen mit allen Macken und Fehlern und ihrer teils schweren Vergangenheit – wo dann? Wo, wenn nicht in der Kirche, sollten genau diese Menschen in offene Arme laufen?

Sie sagt noch, dass viele Menschen, die sich dort in der Vesperkirche tummeln, schon Schlimmes hinter sich haben. Ich weiß nicht, was sie erlebt hat, was ihr das Leben so schwer gemacht hat, aber ich glaube, sie meint damit auch sich.

 

Sie möchte noch wissen, ob ich ein gutes Elternhaus gehabt hätte (vermute, sie nicht).

Wie zum Versuch eines Trosts sage ich ihr noch, dass ich mir ganz sicher bin, dass Gott nicht so drauf ist, dass man erst „in Ordnung“ sein muss, um zu ihm zu kommen. Sie gibt mir völlig recht, und sagt, dieses Gefühl würden ihr Menschen geben, nicht Gott. „Die Gotteskindschaft ist doch etwas, in das man ein ganzes Leben lang hineinwächst“ sagt sie noch.

 

Unser weiteres Gespräch geht irgendwie in die Sackgasse. Ich fühle mich hilflos und bin auch betroffen und bewegt von der Begegnung. Sie dreht sich ihre Zigaretten und schaut runter. Ich sage tschüß, stehe auf, drehe eine Runde um den Tisch. Sie schaut mich noch mehrmals an, sehr freundlich, und lächelt.