01.03.08

"Dieses Glücksgefühl empfand ich als Lohn"

Die Leonhardskirche, in der die Stuttgarter Vesperkirche stattfindet, ist ein wuchtiger Bau, direkt an der Hauptstraße gelegen. Gleich von Anfang an machte sie auf mich einen alten, von der Zeit gezeichneten Eindruck.

von Jacob Böttcher, 9. Klasse Waldorfschule Ludwigsburg


Die Leonhardskirche, in der die Stuttgarter Vesperkirche stattfindet, ist ein wuchtiger Bau, direkt an der Hauptstraße gelegen. Gleich von Anfang an machte sie auf mich einen alten, von der Zeit gezeichneten Eindruck. Mit ihren steinernen Sockeln, den zwei Sakristeien zu beiden Seiten und dem breiten Mittelschiff wirkte sie auf mich wie eine Wehrkirche, wie ein Bau, der mir vermittelte: „Hier findest du Schutz, immer. In mir bist sicher!“

Passend, wenn man bedenkt, was am heutigen Tag, wie auch im Verlaufe der neun Winterwochen, in ihr abläufen. Im Unterricht an der Waldorfschule Ludwigsburg hatte unsere Religionslehrerin Frau Schaaf uns dazu eingeladen, bei der Vesperkirche mitzuarbeiten. Freiwillig, natürlich. Ich hatte vorher noch nie von dieser Institution gehört. Es ist schön zu wissen, dass es so etwas gibt und dass man mithelfen kann. . Ich finde, anderen Menschen zu helfen und helfen zu wollen, äußerst ehrenwert. Und ich ziehe meinen Hut vor solchen Menschen. Ich finde, derlei Dinge zeichnen einen Menschen aus.

Ich war gespannt auf die Leute, wie sie sich verhalten würden, wie sie aussehen würden. Ich hatte mehr zwielichtige Gestalten, mehr nach außen hin abstoßende Menschen, erwartet. Und ich hatte mit mehr Zwischenfällen gerechnet. Aber ich hatte noch keinerlei Erfahrung, bzw. Austausch mit dieser Sorte Menschen gehabt, hatte sie nur schon im Vorbeigehen auf Bahnhöfen flüchtig wahrgenommen und meinen Schritt eher schneller an ihnen vorbei gelenkt – mit einer gewissen inneren Anspannung. Deswegen wollte ich mehr erfahren, sie mir aus der Nähe ansehen, mit ihnen reden und, wenn es mir denn möglich wäre, so wie hier in der Vesperkirche, ihnen helfen Denn es sind Menschen wie ich, und sie hatten bloß Pech.. Außerdem, wer weiß, ob mir nicht eines Tages ebenso hart vom Schicksal mitgespielt würde? Dann würde ich mich sicher auch freuen über helfende Hände.

Ich fuhr, nur mit einigen Ahnungen von dem, was mich heute erwarten würde, mit noch zwei Mitschülerinnen zum zuvor vereinbarten Treffpunkt: dem der Leonhardskirche.

Ich war noch nie vorher hier gewesen, mein Wissen beschränkte sich unmittelbar auf die „Einkaufsmeile“ Königsstraße. Interessant, wie nah Arm und Reich beieinander liegen, wenn man sich die kurze Entfernung zwischen Einkaufsmeile und Rotlichtviertel ansieht, welches gleich hinter der Kirche ist. Am Haupteingang häuften sich schon um diese Zeit die Grüppchen beieinander stehender Menschen. Sie schienen mir allen möglichen Alters, manche sah man die Armut unmittelbar an, anderen hingegen überhaupt nicht. Ich sah auch ein paar, die schon um diese Zeit die ersten Flaschen lehrten, Ich sah die Hunde, wenn sie denn welche besaßen, vor ihnen auf dem Boden liegend. Struppig, zerzaust, genau wie ihre Herrchen. Das typische Bild von Pennern?

Unter all den schon wartenden Menschen machte ich bald die Bekanntschaft mit Wolfgang, einem Diakon, der hauptamtlich bei der Vesperkirche mitarbeitet. Es gibt Menschen, denen sieht man die Nächstenliebe, das soziale Engagement schon direkt an. Wolfgang ist einer dieser Menschen. Er strahlte auf mich etwas Unerschütterliches aus und zugleich auch etwas Autoritäres. Mir schien es auch, dass er jeden Menschen einzeln betrachtete, ihn nicht nach Gut oder Schlecht abwertete, sondern dahinter zu blicken versuchte, anteilsam und doch autoritär. Das machte auch seine Begrüßungsrede gut deutlich, mit der er uns in einer der beiden Sakristeien in unsere heutigen Arbeiten einwies:

„Wir brauchen Gelassenheit und die Ruhe, um auch am dritten Sonntag einfach die Freundlichkeit, die Gastfreundlichkeit auszustrahlen. Jeder, der kommt, ist Gast, egal wie er aussieht, egal wie er ist, egal ob er gerade drauf ist. Er ist Gast und wird von uns freundlich bedient: bei der Essensausgabe, bei der Getränkeausgabe. Wir wollen ihn einfach freundlich aufnehmen, ob er kurz kommt oder ob er den ganzen Tag da ist .Das tut allen gut und Sie werden merken, es tut auch uns gut, das steckt an, auch bei uns Mitarbeitern. Immer, wo es ein bisschen hektisch wird, einfach wieder mit der nötigen Gelassenheit arbeiten und dann klappt das miteinander!“

Die Vesperkirche, dass war für mich eine gute und eindrückliche Erfahrung, zu sehen, wie gut es mir doch geht mit meinem Leben, und aber auch, wie leicht sich das Schicksal wandeln kann.

Ich habe einen Mann kennen gelernt, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: Klaus. Klaus arbeitet als „Ein-Euro-Jobber“, ein Mann, der Köpfchen hat, wie mir zwei ehren-amtliche Mitarbeiterinnen versicherten. Zum Abschied sagte er mir etwas, dass mich auch im Nachhinein noch beeindruckt. Ich wünschte ihm einen schönen Tag, woraufhin er sich noch einmal umdrehte und sagte, „Nein, ich wünsche dir keinen Guten Tag - ich wünsche dir gute Zeit, denn Zeit ist länger als nur ein Tag.“ Dann war er weg. Ihn würde ich gerne mal wieder treffen.

Bei der Frage, warum die vielen Ehrenamtlichen schon solange halfen, bekam ich Antworten, die immer in dieselbe Richtung gehen.

Es ist ein schönes Gefühl, helfen zu können.“, so sagte mir eine schon über sechs Jahre agierende Helferin, „Später wirst du sehen, wie schön das Gefühl ist, das dich ergreift, wenn du nach hause gehst.“

Dieses Glücksgefühl empfand ich, neben den gemachten Erfahrungen, als die Art Lohn, die im wahrsten Sinne des Wortes glücklich macht. Ich empfand eine wunderbare Freude, sowohl beim Arbeiten, als auch beim Betrachten und Austauschen mit den Gästen. Und ich spürte, dass auch sie sich freuten. Die Atmosphäre unter den Gästen wie auch unter den Mitarbeitern war super. Ich habe verschiedenste Leute kennen gelernt und habe helfen können. Und ich würde es gerne wieder tun.