23.01.07

Kalt ist es draußen geworden.

Ein eisiger Wind geht und kleine Schneeflocken fliegen einem um den Kopf.

Ein Wetter bei dem man nicht gerne draußen sein will. Trotzdem müssen das viele. Einige Obdachlose übernachten Nacht für Nacht unter freiem Himmel. Da trifft es sich gut, dass es einen Ort gibt, an dem man sich aufwärmen kann. Die Leonhardskirche ist so ein Ort. Zurzeit ist sie eine der Vesperkirchen in Baden-Württemberg.

 

Das erste was einen erwartet sind Menschen, die vor der Kirche stehen. Eingemurmelt in dicker Winterkleidung stehen sie da. In der einen Hand eine schlecht gedrehte Zigarette, in der anderen einen Becher wärmenden Kaffee. Es wird viel geredet und der kleine Platz vor der Kirche ist fast voll. So muss man sich geschickt an den Leuten vorbeischlängeln, um in das Innere der Leonhardskirche zu kommen. Wenn man dann an der offenen Türe steht, kommt einem schon wohlig warme Luft entgegen. Es riecht nach Essen und überall hört man Besteck über Teller kratzen. Es scheint den Anwesenden zu schmecken. Auch hier ist es voll. Eine lange Schlange zieht sich fast einmal durch den ganzen Saal und überall ist Gemurmel zu hören. Tische und Stühle ersetzen den Großteil der langen Bänke, um so Platz für die alle Gäste zu machen. Es stehen rund 30 Leute an, um sich für 1,20 Euro eine große Portion Fleisch mit Kartoffeln abzuholen. Auch hinter der Theke geht es geschäftig zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen reichen die Mitarbeiter einen Teller nach dem anderen an die Wartenden weiter.

 

Wenn man sich umschaut, ist aber noch mehr zu entdecken. An einem kleinen Stand wird kostenlos Kaffee, Tee und Sprudel ausgeschenkt. Man muss aber schon etwas Gedrängel in Kauf nehmen, wenn man einen warmen Kaffee haben will.

Wer dann, bewaffnet mit einem Getränk, auf den hinteren Teil der Kirche zugeht sieht auch vereinzelt Leute, die sich in den Kirchenbänken ausruhen und schlafen.

 

Weiter hinten angekommen, steht man auf einmal unfreiwillig mitten in der dritten Warteschlange. Nachdem ich selber gut fünf Minuten in der Schlange stand und meinen Kaffee getrunken habe, wollte ich erst einmal wissen, wofür ich überhaupt anstehe. „Essensmarken“ schallte es mir von einigen Seiten entgegen. Sie werden ausgegeben für Menschen, die sich auch die 1,20 Euro nicht leisten können. Als ich daraufhin kurzerhand zum Schluss gekommen bin, dass ich keine Essensmarken brauche, habe ich mich noch einmal zum belebten Kaffeestand begeben. In der kurzen Wartezeit hat man genug Zeit, sich die Besucher genauer anzusehen. Es sind so gut wie alle Altersklassen vertreten. Von Jugendlichen bis hin zum etwas älteren Kaliber. Manchen sieht man das harte Leben auf der Straße an. Bei anderen sieht man, dass sie selber nicht auf der Straße leben. Entweder sind sie da, um sich kurz aufzuwärmen oder um mal zu schauen warum die Bildzeitung über eine Kirche in der Nähe eines Rotlichtviertels schreibt. Nachdem ich mich gesetzt hatte, wurde ich auch gleich angesprochen. Zu besprechen gab es einiges. Lebensschicksale oder die aussichtslose Situation der Obdachlosen zum Beispiel. Was mir besonders aufgefallen ist: das Interesse an meiner Person. Ich persönlich dachte immer, Obdachlose suchen immer nur jemanden zum zureden, um sich nicht allzu alleine zu fühlen. Ich wurde heute eines besseren belehrt.Nachdem der zweite Kaffee ebenfalls getrunken war, war es an der Zeit sich wieder in die Kälte zu wagen und die Vesperkirche für heute zu verlassen.

 

Alles in allem ist die Vesperkirche nicht nur ein Ort, bei dem es billig Essen und kostenlosen Kaffee gibt, sondern er ist vor allem auch eine Begegnungsstätte. Wo sonst sitzen Menschen zusammen, die sonst kaum miteinander zu tun haben. Ein Ort bei dem Obdachlose keinen Euro, sondern ein warmes Essen und ein gutes Gespräch suchen. In der Vesperkirche geht es darum Menschen zu verstehen und Mensch zu sein