06.03.07

Darf ich hier sein?

Am Donnerstag bin ich das erste Mal in der Vesperkirche gewesen. Vorsichtig schiebe ich mich durch die vielen Leute, die vor und im Eingang der Leonhardskirche stehen.

Was denken die wohl von mir, ist der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt. Und der soll während des Essens in der Kirche auch nicht fortgehen.

Mit großen Augen betrachte ich den Kirchenraum, bzw. die Essensausgabe, die Tische, die Menschen, von denen ich mich schon irgendwie unterscheide – rein optisch zumindest. An der Essensausgabe zahlen wir die 1,20 Euro für Kartoffeln, Wirsinggemüse und Kassler. Am Tisch kann ich mich kaum auf das Essen konzentrieren, weil mein Blick immer noch neugierig und erstaunt durch die Szenerie wandert. Auf den vordersten Kirchenbänken liegen Menschen, die sich ausruhen, in der Ecke neben dem Altar hängen Kinderbilder an der Wand, die allgemeine Stimmung scheint gut zu sein.

 

Was man irgendwie nicht von meiner Stimmung behaupten kann. Die ganze Zeit lässt mich das Gefühl nicht los, dass ich hier nicht hingehöre, dass ich eigentlich gar keine Legitimation habe, hier zu sein, weil ich nicht auf das günstige Essen in der Vesperkirche angewiesen bin. Nicht dass mich irgendjemand komisch anschauen würde oder sogar etwas zu mir gesagt hätte, ganz im Gegenteil. Mein Tischnachbar wünscht mir guten Appetit und auch sonst begegnen mir freundliche Gesichter. Ich aber traue mich nicht, jemanden anzusprechen, obwohl mich schon interessiert hätte, was das für Leute sind, die mich in der Vesperkirche umgeben.

 

Ich fühle mich als Eindringling, als Außenseiter, ein Gefühl, dass bestimmt viele der Menschen hier tagtäglich erfahren müssen. Obwohl mich das, wie gesagt, keiner hier spüren lässt. Das unwohle Gefühl, das ich habe, kommt aus mir heraus. Ich befinde mich inmitten von Leuten, die ich normalerweise auf der Straße sehe und an denen ich, ganz ehrlich, schon oft schnell oder naserümpfend vorbei gegangen bin. Dafür schäme ich mich in diesem Moment, als ich am Tisch sitze und esse. Viel wohler würde ich mich fühlen, wenn ich mit umgebundener Schürze hinter der Essensausgabe stehen würde, so wie heute unter anderem ein paar Schüler. Dann hätte ich eine Aufgabe und könnte irgendwas von dem Luxus, den ich im Gegensatz zu vielen der Menschen hier glücklicherweise erleben darf, zurückgeben. Irgendwie. Vielleicht melde ich mich nächstes Jahr als Helfer.