05.02.07

Wert des Lebens? Lebenswert!

Ich war noch nie zuvor in der Vesperkirche, habe aber schon viel Gutes darüber gehört

Sätze wie „die Menschen kommen wegen der Gemeinschaft, nicht nur wegen des Essens,“ und „längst sind es nicht mehr die klassischen Obdachlosen, sondern auch alte Leute und Hartz IV Empfänger.“ Das Erste, was mir auffällt: Es ist ganz schön voll. Das Zweite: Die Essensschlange ganz schön lang. Das Dritte: Es riecht anders, als es sonst in der Kirche riecht. Nicht nur nach Essen…

 

So stehe ich hinten an, steh mitten in der Kirche und frag mich, was es wohl gibt... Mein neugieriger Blick auf die Teller gibt mir darüber nicht wirklich Aufschluss. Entweder sind sie leer, oder Menschen beugen sich dicht darüber. Ich steh einfach in der Schlange und bin gespannt, was ich bekomme. Ich sehe mich um, lasse meinen Blick über die Tische schweifen, Leute drängeln sich an mir vorbei, mit leeren Tellern, mit Kaffeetassen und in mir kommt ein ganz merkwürdiges Gefühl auf, das mich selbst zusammenzucken lässt, als ich es bewusst wahrnehme.

 

Was bleibt mir da anderes übrig, als dir Flucht nach vorn?! Ich spreche den Mann an, der in der Schlange vor mir steht, ob er wisse, was es heute gibt, ob er öfter hier esse, ob es lecker sei und so weiter. Ein kurzes Gespräch, ich stelle mich vor, wir grüßen uns mit Händedruck. Er ist freundlich, auch wenn sein äußeres Erscheinungsbild hart ist. Nach einer Weile sitze ich am Tisch, unterhalte mich mit einem kuriosen Messtechniker, der mir freundlicher Weise erklärt, warum Schiffe schwimmen. Wir haben eine interessante Unterhaltung. Ich fang an, zu begreifen, was hier los ist. Wer hier ist und isst. Ich bin jetzt auch da, habe meine Jacke aus, den Teller leer und runde das Gespräch langsam ab. Als ich vor der Tür bei einem Zivi mit Dreads und weißer Schürze stehe, kommt ein junger Mann mit Kappe, der noch relativ fit aussieht und fragt, wo man die Berechtigung bekomme, um hier zu essen. Er sei erst vor kurzem nach Stuttgart gekommen und lebe von Sozialhilfe, suche einen Job und war sichtlich überrascht, dass hier jeder kommen darf und für 1,20 Essen bekommt. Ohne irgendwelche Auflagen. Einfach jeder Mensch, der lebt.

 

Ich selbst bekam Essen und gab von meiner Zeit, bekam Eindrücke und gab meine Worte, suchte Begegnungen und konnte sie finden. Auch wenn sie so ganz anders waren, als das, was ich sonst so kenne, auch wenn es doch ganz schön heftig war, so einem Haufen Elend so nah zu sein, war es schön, das Leben dort zu treffen, zweifellos wertvolles Leben.