24.01.10

Betäubung (17. Januar)

Frank ist mit den Nerven am Ende. Beruhigungspillen taugen nichts mehr nach 3 Jahren unbefriedigenden 1-Euro-Jobs. Dokumentation einer Begegnung.

„Ich bin so unruhig“, sagt Frank (Name geändert) und zieht hektisch an seiner Zigarette. Wir stehen im Regen vor der Vesperkirche. „Mein Arzt verschreibt mir Beruhigungsmittel, aber die sind zu niedrig dosiert“, erzählt er mir. „Ich werde diese Unruhe nicht los. Wie soll ich auch? Ich könnte mich ständig aufregen! Wir werden doch nur an der Nase herumgeführt, von der Politik, von der Stadt, vom Jobcenter.“

Er habe eine Ausbildung als Facharbeiter, erzählt er. Nach zehn Jahre hat er die Branche gewechselt, arbeitete als Landschaftsgärtner. Dann die Arbeitslosigkeit. „Mein Chef sagte: Tut mir leid, wir haben keine Aufträge mehr, ich habe keine Wahl.“ Billige Konkurrenz aus den neuen Bundesländern, aus Osteuropa. „Als ich dann vom Jobcenter den ersten Ein-Euro-Job angeboten bekam, war ich glücklich. Endlich tat sich was. Wir sollen wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden, wurde uns gesagt.“

Diese Hoffnung hat er aufgegeben. „Seit drei Jahren bin ich jetzt für die Stadtreinigung ein billiger Mitarbeiter.“ Ein-Euro-Job: das ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, wie man so sagt. „Ich bin 46. Wenn ich mich bewerbe, winken die Arbeitgeber ab. Zu alt. Kann man nichts machen. Am besten: sich irgendwie betäuben.“

Er lässt mich ratlos zurück. Seine Geschichte geht mir nach.