Die Vesperkirchengemeinde sagt "Auf Wiedersehen"

Mit einem stimmungsvollen Gottesdienst ist die 23. Stuttgarter Vesperkirche zu Ende gegangen. Mehr als 200 Menschen kamen noch einmal unter dem Dach der Leonhardskirche zusammen, um gemeinsam Abschied zu feiern.

© Monika Johna

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„In Zeiten, in denen Verachtung und Hass sich nicht nur im Internet immer ungezügelter Bahn brechen, scheint es mir eine der großen Aufgaben der Gegenwart zu sein, neu zu lernen, was es heißt, menschlich miteinander umzugehen“, sagte Pfarrer Christoph Doll. In seiner Predigt ging er der Frage nach, was den Menschen ausmacht. Ja, was macht den Menschen aus? Jedenfalls, so der Leonhardskirchenpfarrer, nicht die teure Superyacht und auch nicht der durchtrainierte Waschbrettbauch. Auf der Spur des diesjährigen Predigtreihenmottos „da ist Freiheit“ stellte Christoph Doll fest: „Freiheit ist dort, wo Menschen Menschen sind und sich nicht zu Göttern aufschwingen müssen. Freiheit ist dort, wo eigene Grenzen und Schwächen zugelassen und gezeigt werden.“ Gott sei Dank, so der Leonhardskirchenpfarrer, stelle nicht nur die Leonhardskirche in den sieben Wochen der Vesperkirchenzeit eine solche Gegenwelt dar, in der Menschen Masken ablegten und auf aufgeblasene Selbstinszenierung verzichten könnten. „Solche Räume tun sich zum Beispiel auch dort auf, wo wir unversehens in Begegnungen hineingeraten, die uns tief im Herzen berühren. Weil uns da jemand ansieht mit freundlichen Blicken, aus denen uns Respekt entgegenkommt, Interesse an unserer Person und unserem Befinden und bedingungslose Wertschätzung.“
Dekan Klaus Käpplinger umriss zu Beginn noch einmal den Rahmen, in dem sich die Arbeit der Vesperkirche bewegt. Man habe im Jubiläumsjahr der Reformation nach dem Zusammenhang von Reformation und Diakonie gesucht. Durch die Reformation seien einstmals Menschen in den Blick gekommen, die unter Armut, Not und Ausgrenzung litten. „Deren Armut, Not und Ausgrenzung muss überwunden werden, das gilt bis heute“, so der Diakoniedekan. Das Ziel sei es, Armut und die Angst vor Armut zu überwinden. „So lange das nicht gelingt, braucht es Solidarität – und kein Mitleid.“
Die Vesperkirchenband „rahmenlos & frei“ sorgte mit Liedbeiträgen für den passenden musikalischen Rahmen. „Hier ist genug für alle da. Denn hier sind wir alle willkommen. Hier sind wir alle Geschöpfe Gottes“, betonte Klaus Käpplinger.
Zum Abschluss, da stimmte „rahmenlos & und frei“ „will the circle be unbroken an“. Da bildeten alle Gäste einen Kreis und tauchten mit ihren brennenden Kerzen in den Händen die Leonhardskirche vom Chorraum bis zum Ausgang in ein wunderbar warm leuchtendes Licht. Da schauten sich die Nachbarn in der Lichterkettenreihe aufmerksam in die Augen, klopften Schultern, drückten Hände und lächelten einander freundlich an. Da standen Alt und Jung, Arm und Reich, Beweglich und Gebrechlich nebeneinander, begegneten einander auf Augenhöhe und ließen noch einmal andächtig zusammen diese besondere Vesperkirchengemeinschaft auf sich wirken.

04-03-2017

Autor/Autorin: Monika Johna