Eine Idee wird wahr

Am Anfang der Vesperkirche stand eine Idee: Menschen, die sich sonst nicht begegnen, sollten an einem Ort zusammenkommen, um miteinander zu leben. Diakoniepfarrer Martin Friz formulierte seine Gedanken im November 1994: In einer Kirche in der Stuttgarter Innenstadt müsste dies möglich sein.

 

Kirchengemeinderat stimmt zu

Der Kirchengemeinderat der Stuttgarter Leonhardskirche hört zum ersten Mal von diesem Traum, der zum konkreten Plan geworden war und in ihrer Kirche Wirklichkeit werden sollte. Das heißt, ein Drittel der Bänke sollte ausgebaut und statt dessen sollten Tische aufgebaut werden, um Obdachlosen, Junkies und Prostituierten in der Kirche Platz zu machen. Es sind nur vage Vorstellungen, wie es gehen könnte, doch nachdem alle Wenn und Aber beraten sind, wird beschlossen: Die erste Vesperkirche soll 1995 in der Leonhardskirche stattfinden.

 

Damit waren es nur noch einige Wochen bis zum ersten Start und außer dem Traum, der Zusage und dem Beschluss gab es eigentlich nur Fragen: Wo kann gekocht werden? Wie wird der Start finanziert? Wer wird mitarbeiten? Wie viele Essen werden gebraucht? Was geschieht mit dem Sandsteinboden in der Leonhardskirche? Wo gibt es einen Stellplatz für Toiletten? Bei der ersten Pressekonferenz reagierten die Journalistinnen und Journalisten mit ungläubigem Staunen und berichteten ausführlich über einen Traum, von dem niemand wusste, wie er ausgehen würde.

 

Aus Fragen werden Antworten
Langsam ergaben sich auf fast alle Fragen Antworten: Menschen riefen an und wollten mitarbeiten, auch wenn ihnen nicht genau gesagt werden konnte, was sie zu tun hätten. Im Waldheim Altenburg wurde eine geeignete Küche gefunden, und das Rote Kreuz stellte die nötigen Wärmebehälter zur Verfügung. Die Stuttgarter Nachrichten stellten eine Startfinanzierung zur Verfügung. Auf den Sandsteinboden sollte ein Holzboden gelegt werden, um den alten Boden vor Verschmutzungen zu schützen. Eine Stuttgarter Kaffeerösterei stiftete den ersten Kaffee, auch wenn der Chefin dort niemand sagen konnte, wieviel Kaffee gebraucht würde.

 

Januar 1995, wenige Tage vor dem ersten Start: Chaos total, und alle waren überzeugt, dass es trotzdem gelingen wird.

 

Sonntag, 21. Januar 1995: Eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn war es gelungen, den Toilettenwagen anzuschließen. Um zehn Uhr begann der Eröffnungsgottesdienst. Die Leonhardskirche war vollbesetzt, Menschen aus vielen Stuttgarter Kirchengemeinden waren gekommen. Im hinteren Teil der Kirche waren die Tische schon gedeckt – Platz für fast 200 Menschen. Nach dem Gottesdienst geht die Kirchentür auf: Zum ersten Mal werden die Wärmebehälter in die Kirche getragen: Gut schwäbische Maultaschen gibt es. Und am Tag danach, am ersten richtigen Vesperkirchentag, kamen 70 Menschen zum Essen.

 

20. Vesperkirche
2014 findet die Vesperkirche in Stuttgart zum 20. Mal statt. Täglich kommen bis zu 800 Menschen in die Kirche. Dazu gibt es ärztliche und - das ist neu! - zahnärztliche Versorgung, Hilfe für die Tiere der Gäste, "Kultur in der Vesperkirche" (seit genau 10 Jahren!), eine Band mit Freunden und Gästen der Vesperkirche. Und natürlich viele, viele Gespräche an den Tischen. Die Menschen kommen nicht nur zum Essen in die Kirche, sondern zum Leben.