8211; doch Wegschauen gilt nichtArmut tut weh &

Vor der Stuttgarter Leonhardskirche wird sieben Wochen im Jahr Armut konkret – im Viertel um die Kirche ist sie das ganze Jahr über kaum zu übersehen. In dem kleinen Park hinter dem Parkhaus, wo die Bürger, die zum Einkaufen gehen, ihre Autos abstellen, treffen sich die, die nichts einkaufen können. Der Schatten der Parketagen gibt ihnen Schutz: Armut versteckt sich in der Stadt, in der chromblitzende Autos entstehen. Armut versteckt sich an vielen Orten: in den Wohnungen alleinstehender Frauen aus der Trümmergeneration, hinter den verschlossenen Türen verarmter Familien, die nicht wissen, was sie den Kindern morgen zum Frühstück geben können, oder in den Warteschlangen der Menschen auf dem Arbeits- oder Sozialamt. Aber Armut ist immer auch sichtbar – vereinzelt, auf dem Boden kauernd in der Fußgängerzone, anmachend in der Unterführung unter dem Bahnhof, Mitleid heischend am Straßenrand. Selbst diese sichtbare Armut ist leicht zu übersehen – oder wird als störend empfunden, mit polizeilicher Gewalt verfolgt oder unterbunden: Ein Strafzettel wegen Bettelei kostet gleich mal über 25 EUR. Doch keiner bettelt, weil es Spaß macht. Menschen betteln, weil sie es brauchen.


Während der Vesperkirchenzeit wird Armut plötzlich sichtbar. Wer an der Leonhardskirche vorbeikommt, kann sie nicht mehr ignorieren. Und Armut wird wahrnehmbar. Es ist nicht zu übersehen, dass Armut zunimmt. Als die Diakonie der evangelischen Kirche dies vor Jahren angekündigt hat, haben manche gelacht und viele den Kopf geschüttelt: "Doch nicht in einem so reichen Land wie bei uns!" Armut findet plötzlich statt: auf einem Platz vor einer Kirche mitten in der Stadt – nicht mehr nur in Zahlen und Statistiken, in Berichten und Kommentaren, mit Eigentumsgrenzen und Sozialhilfesätzen. Plötzlich ist Armut nicht mehr eingeschränkt auf soziale Brennpunkte der Stadt, sondern eine Kirche wird zum sozialen Brennpunkt der Wirklichkeit.

 

Gesichter der Armut
Armut: Das ist das Gesicht der alten Frau, das schon lang kein Lächeln mehr verändert hat. Zu tief haben sich die Sorgen in das Gesicht eingefurcht. Der Mann gestorben, die Kinder weggezogen, die Rente zu klein, um sich das Leben leisten zu können.

Armut: Das sind die Narben auf dem Arm des jungen Mädchens. Jede Spritze hinterlässt eine Spur. Weil manche der Spritzen nicht so sauber waren, wie es hätte sein sollen, bilden sich Abzesse.

Armut: Das ist das jugendliche Gesicht eines Mannes, der noch nicht lang volljährig ist. Neben ihm seine Frau, vor den beiden das Kind im Kinderwagen. Sie wissen, dass sie total überschuldet sind, der Kühlschrank ist leer, die Möbel gepfändet, die Zukunft leer.

Armut: Das ist das unrasierte Gesicht des Mannes. Er macht den Eindruck, als sei er schon Jahre lang im Ruhestand, dabei ist er doch erst Mitte vierzig. Scheidung, Arbeit verloren, Alkohol, Wohnung verloren – das "Platte-Machen" hat ihm nicht nur die Haut gegerbt.

Armut: Das ist das zarte Gesicht einer jungen Frau. Es ist nicht zu übersehen, dass sie einmal sehr schön gewesen war. Nun stören Narben und abgekratzte Haut das ebenmäßige Gesicht. Ekel ist ihr ins Gesicht geschrieben, denn jeden Abend und jede Nacht verkauft sie ihren Körper, um etwas gegen die Armut zu tun.

 

 

Armut wahrnehmen
"Klischees, alles nur Klischees", mag mancher denken. Weit gefehlt. Geschichten aus der Vesperkirche. Geschichten von Menschen. Geschichten, die diesen Menschen ins Gesicht geschrieben sind. Die Vesperkirche hat der Armut ein Gesicht gegeben. In und vor der Leonhardskirche ist zu erkennen, wie menschenunwürdig es ist, dass immer mehr Menschen ohne Schuld verarmen und in die Abhängigkeit von Sozialhilfe geraten. Da wird deutlich: Zynisch sind politische Parolen, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Wer muss den Gürtel enger schnallen? Für die Menschen, die sich in der Vesperkirche treffen, ist das letzte Loch in der Gürtelschnalle schon lang erreicht.

Keine Spaltung in Arm und Reich

"Unser täglich Brot gib uns heute", beten Christen. Das "tägliche Brot" ist nicht mehr für alle Menschen selbstverständlich, nicht einmal in unserer Wohlstandsgesellschaft. Die Sorge um eine tägliche Mahlzeit, um warme Kleidung, einen Platz zum Schlafen, um medizinische Versorgung treibt viele Menschen um. Arm sind Menschen, weil sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind, weil sie alt sind, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – den Leistungsansprüchen der Gesellschaft nicht mehr genügen. Die Kirche widerspricht einer Spaltung der Gesellschaft.

Kirche wehrt sich gegen diese Armut. Die Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat 1998 gefordert, Armut und Arbeitslosigkeit nicht hinzunehmen. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind untrennbar miteinander verbunden und fordern die Kirche und die Mitglieder heraus, Armut nicht als Gott gegeben hinzunehmen.

Kirche und ihre Diakonie widerspricht dieser Armut. Doch nicht nur in Stellungnahmen und Erklärungen. Kirche hilft gegen die Armut. Dazu braucht sie Menschen – Hauptamtliche und Ehrenamtliche. So entstanden in Württemberg neben vielen traditionellen Einrichtungen, Heimen und Beratungsstellen neue Maßnahmen gegen die Armut – wie die Vesperkirchen in Stuttgart und in anderen Städten oder die "Schwäbische Tafel" . Diese Aktionen leben vom Engagement vieler Einzelner und den zahlreichen Spenden und Unterstützungen.

Christen wissen, dass sie mit jedem noch so kleinen Schritt gegen die Armut Gottes Willen ein kleines Stück Wirklichkeit werden lassen: "Schaffet Recht den Armen und der Waise und helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht." (Psalm 82,3)