Begegnungsstätte für Arme und Verurteilte

Im Jahr 1529 soll die Bürgerstochter Apollonie Wegbsetzer, als in der Leonhardskirche ein Mönch predigte, gerufen haben: "Der Mönch lügt!" Ob sie mit ihrem Protest fortfahren durfte oder der Kirche verwiesen wurde, ist nicht überliefert. Die neue Lehre Martin Luthers begann zu wirken. Im Jahr 1534 zog die Reformation in Stuttgart ein. Noch bis zum Jahr 1806 blieb die Leonhardskirche eine "Filiale" der Stiftskirche. Die Kirche stand in der sogenannten Esslinger Vorstadt, also außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Dort war sie 1408 unter den Baumeistern Hänslin Jörg und dessen Sohn Alberlin errichtet worden: als dreischiffige Hallenkirche mit Netzgewölbe und markant spitzem Turm.

 

Zwischen Konsumtempeln und Straßenstrich
Wer heute die Kirche an der Hauptstätter Straße besucht, findet sie zwischen modernen "Konsumtempeln" und dem Stuttgarter Straßenstrich umgeben von den Betonmauern der Parkhäuser. Außen ist ihr gotisches Gepräge gut erhalten. Innen sind die Folgen der Stuttgarter Bombennächte im Zweiten Weltkrieg bleibend sichtbar. Nur eine Säulenreihe ist erhalten. Nach dem Krieg wurde ein flachgedeckter, einheitlicher Predigtraum geschaffen. Kunstinteressierte entdecken dennoch wertvolle Stücke: Das 1490 geschnitzte Chorgestühl (es stand einst in der Hospitalkirche), ein Grabmal des Humanisten Johannes Reuchlin, der in der Kirche begraben liegt, prächtige Gewölbeschlusssteine. Abgebildet sind der Namenspatron St. Leonhard (heute an der Südwand) sowie St. Jodokus (im Chorgewölbe). Leonhard betreute seinerzeit die Gefangenen und zur Hinrichtung auf der "Hauptstatt" Verurteilten. Der dem Jakobusweg-Pilger Jodokus gewidmete Schlussstein weist darauf hin, dass die Leonhardskirche vor Jahrhunderten den oft armseligen Pilgern auf dem Weg ins spanische Santiago de Compostela Rast und Ruhe gewährte.

 

Von diesem "Sozialprogramm" aus dem Mittelalter spannt sich ein Bogen zur Vesperkirche. Täglich sind für sechs bis sieben Wochen im Jahr die Türen für arme und obdachlose Menschen geöffnet: zum Essen und Trinken, zum Schlafen und zur medizinischen Behandlung. Unter dem Jahr zeichnet sich die Leonhardskirche durch ein vielfältiges Konzert- und Ausstellungsprogramm aus sowie durch liturgisch-meditativ gestaltete Andachten. Die Kirche ist außerhalb der Vesperkirchenzeit geöffnet: dienstags bis samstags von 10 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr.

 

Eine moderne Kirchengemeinde
Etwa 1.800 Mitglieder zählen zur Kirchengemeinde der Leonhardskirche, die von Pfarrer Christoph Doll betreut wird. Gottesdienste feiert die Gemeinde sonntags um 10 Uhr. Außerdem feiert die Gemeinde immer donnerstags um 19 Uhr unterschiedliche Gottesdienstformen. Dazu finden immer wieder Jugend-Gottesdienste, Gottesdienste der "Geistlichen Gemeinde Erneuerung", Aids-Gottesdienste und Gottesdienste für Geschiedene in der Leonhardskirche statt. Einmal im Monat ist die rumänisch-orthodoxe Gemeinde in der Kirche zu Gast. Außerdem besteht enger Kontakt zur benachbarten Altkatholischen Gemeinde, mit der viermal im Jahr Gottesdienst gefeiert wird.