Zwei Stunden lang Ärztin der Ärmsten

Als die Ärztin Regina Dipper die Vesperkirche betritt, kommt sie erst gar nicht bis vorne in den Chor, in dem die ersten Patienten auf sie warten. Eine junge Frau droht über dem Mittagessen zusammenzubrechen, Dipper stellt ihren Korb zur Seite und gibt Anweisung, die Patientin auf den Boden zu legen, "damit sie nicht runterfallen kann". Zwei starke Männer packen an, ein paar Decken werden ausgebreitet. Als die Frau fürs Erste versorgt ist, geht Regina Dipper nach vorne in die Magdalenenkapelle, in der eine einfache Praxis eingerichtet ist: eine Liege, Stühle, unzählige Schachteln Medikamente und Verbandsmaterial in Klinikpackungen auf dem Tisch. "Ich habe mein Stethoskop mitgebracht, meine Augen, meine Hände, mehr ist hier nicht drin."
 
Von Montag bis Freitag steht immer nachmittags für zwei Stunden eine der Ärztinnen Gisela Dahl, Stefanie Schuster und Regina Dipper kostenlos für die Besucher bereit.


Ein Helfersyndrom ist überflüssig


Zwischen zehn und zwanzig Besucher behandelt die Ärztin Regina Dipper pro Nachmittag. "Das ist stark temperaturabhängig. Jetzt, wo draußen die Sonne scheint, haben wir kaum Erkältungskrankheiten", erzählt sie. Ansonsten sieht sie alle Krankheiten, die Verwahrlosung, Alkohol und Drogenkonsum mit sich bringen. Infektionen, Bronchitis, Durchfall und Hautkrankheiten treten häufig auf, aber "mich hat am meisten erschreckt, in welchem Zustand diese Füße sind". Offene Beine im schlimmsten Stadium sind keine Seltenheit, einem Mann musste die Hose aus der Wunde geschnitten werden. Und dann kommen wie in ihrer Praxis in Degerloch auch Menschen, die einfach nur zehn Minuten reden wollen. Obwohl sie leise spricht und Ruhe ausstrahlt, scheuen viele Menschen vor Berührung zurück, auch bei ihr. "Ich habe hier drinnen das Recht auf Berührung, was draußen nicht so gut geht. Aber manchen ist selbst der Arztkontakt zu nah." Diese ganz andere Art medizinischer Arbeit fasziniert die Ärztin, ihr gefällt der direkte Umgang miteinander. "Mit Helfersyndrom können Sie hier nichts am Hut haben, die Leute verweigern sich." Eine kurze Hilfe für den Augenblick muss reichen, mehr ist nicht drin, und mehr wird auch von den Menschen nicht verlangt. Ein paar Tabletten oder etwas Salbe bekommen sie in einer ausgedienten Kleinbildfilmdose mit auf den Weg. "Ich bewege hier medizinisch keine großen Räder", sagt Dipper. Die junge Frau mit den Kreislaufproblemen hat es nicht lange auf ihrem Lager ausgehalten. Mithilfe einer Freundin hat sie sich hochgerappelt und ist gegangen, mit schwankenden Schritten. Trotzdem genießt Regina Dipper ihre ehrenamtliche Arbeit in der Kirche. "Es entwickeln sich Beziehungen zu den Menschen, die hier arbeiten, das ist schön." Der Nächste, bitte.

Dr. Stefanie Schuster, Allgemeinärztin und "First Lady" Stuttgarts:
"Als Mutter von drei Kindern und als Ärztin empfinde ich es als meine Aufgabe, mich für das Wohl von Kindern und Kranken einzusetzen, vor allem wenn sie am Rande unserer Gesellschaft stehen. Deshalb reihe ich mich in das Helferteam ein."