Vorlesen vom ersten bis zum letzten Buchstaben


"Hei, kuck mal die Schweinerei jetzt an!", empört sich Jacqueline (7) und faltet den zerknitterten Malblock wieder ordentlich zusammen. Wenn es nach ihr geht, herrscht Ordnung in der Kinderecke der Vesperkirche. Unter einer Wandvitrine mit Abendmahlsgeräten liegt ein Kokosteppich, Papphocker dienen als Tische und Sitze und Bilderbücher, Puzzles, Spielzeugautos laden die kleinsten Gäste der Vesperkirche zum Spielen ein. Eine ehrenamtliche Betreuerin liest vor, hilft beim Puzzeln und zeichnet auch mal einen Engel vor, den die Kinder dann ausmalen.
 
Eine eigene Kinderbetreuung für die Gäste der Vesperkirche gibt es seit 2000. Anlass war der zunehmende Besuch junger Familien in den vergangenen Jahren. Die Größeren wuseln durch die Kirche, aber die Kleinen im Kindergarten- oder Grundschulalter lassen sich gerne auf den Kirchentagshockern unter der Kanzel nieder, um sich mit Autos, Büchern oder Spielen die Zeit zu vertreiben, während ihre Eltern nach dem Mittagessen noch ein bisschen reden. 
 
Statt Philosophie Helme Heine
An diesem Tag hat sich die Juristin und Philosophiestudentin Stefanie Schwab (33) als Betreuerin für die Kinderecke gemeldet. Statt des gewohnten Bertrand Russell liest sie den kleinen Schützlingen Helme Heines "Freunde" vor. "Selbst das Impressum wollen sie vorgelesen haben", wundert sie sich über die Gier der Kinder nach Aufmerksamkeit und Zuwendung. "Kuck mal" ist deshalb die Aufforderung, die sie am häufigsten hört, so wie jetzt wieder: "Kuck mal, ich hab’s geschafft", kräht Kevin (5), als er ein Puzzleauto richtig in die ausgestanzte Vorlage eingepasst hat. Jacqueline streicht sich die braunen Haare hinter die Ohren zurück, dass ihr auch ja keine Ecke des Bilderbuches entgeht. Manchmal aber sind die Kinder so aufgedreht, dass sie sich nicht konzentrieren können. Dann baut Stefanie eben einen Turm aus Papphockern mit ihnen. Aber ihr ist auch aufgefallen, dass die Kinder keine Lieder mehr können. Das will Jacqueline nicht auf sich sitzen lassen und sagt: "Ich kenn´ ein Lied von der Kirche." Sofort wird vorgesungen, und als die Großen dieses Lied nicht kennen, gibt die Kleine zu: "Ich hab's erfunden."
 
Stefanie ist dieses Jahr zum ersten Mal als ehrenamtliche Helferin in der Vesperkirche, "weil ich es für eine schöne Idee halte". Auch Claudia (33) ist mit Töchterchen Angelique (2) zum ersten Mal Gast hier. "Ein bisschen ungewohnt war’s schon", sagt die junge Frau in Jeans und Jeanshemd über ihre Begegnung mit den vielen Gesichtern der Armut, "aber man muss sich an vieles gewöhnen". Die alleinerziehende Mutter lebt von Sozialhilfe, da kommt die Vesperkirche gerade recht, um über die Runden zu kommen. "Und das Kind kommt ein bisschen unter andere Kinder", sagt sie und beobachtet, wie ihre Kleine die Spielsachen in Angriff nimmt. Kevin hat in der Zwischenzeit ein Bild gemalt und will es an der Wand hängen sehen. Weil Tesa nicht zur Hand ist, knickt Stefanie eine Längsseite um und fummelt das Papier zwischen Tür und Rahmen der eingebauten Wandvitrine mit den Abendmahlsutensilien, und Kevin ist zufrieden. "Dagegen sind doch philosophische Probleme ganz einfach", lacht die Studentin.